Surfen: olympia 2028 versetzt profis auf abstellgleis

Die World Surf League wird abgedrängt. Für Los Angeles 2028 sichern sich nur noch fünf Männer und fünf Frauen über den CT ihren olympischen Start – alle anderen Slots verteilt die ISA. Die Athleten rebellieren, die Verbände jubeln. Der Streit entzweit eine Szene, die sonst nur für Wellen und Sonne bekannt ist.

Stefan Fischer, TSV Pelkum Sportwelt

Die kalte zahl: 18 zu 10

Von 18 auf 10 – das ist kein Trend, das ist ein Schnitt durchs eigene Bein. Noch bei Paris 2024 qualifizierten sich zehn Männer und acht Frauen über die WSL-Tour, 2028 bleiben für Kauli Vaast und Co. genau zehn Startplätze übrig. Die restlichen 38 kommen von ISA-Weltspielen, Kontinentalveranstaltungen und einem neu geschaffenen Europameister 2027. Der Profi-Circus wird zur Nebensache.

Ryan Crosby, CEO der World Surf League, reagierte mit „tiefer Enttäuschung“. Erst recht, weil sein Verband monatelang ignoriert wurde. „Wir wurden nie eingebunden, obwohl unsere Tour die besten Surfer der Welt liefert“, sagt Crosby. Aus Sicht der ISA ist das genau der Punkt: „Wir wollen Nationen, nicht nur Marken“, kontert Präsident Fernando Aguerre. Seine Logik: Mehr Kontinente, mehr Chancen, mehr Staatsbürger statt Kontrakt-Surfer.

Fioravanti muss umdenken

Fioravanti muss umdenken

Betroffen ist auch Leonardo Fioravanti, Italiens Hoffnungsträger und CT-Veteran. Bislang reichten zwei starke Saisonen, 2028 muss er entweder Mitte Juni unter den Top 5 der Weltranglung liegen – oder im September bei den ISA Games in einem 256-Athleten-Tableau durchstarten. „Das ist wie Tennis auf Sand und dann plötzlich auf Schnee“, sagt Fioravanti. „Mehr Wettkämpfe, mehr Reisen, mehr Verletzungsrisiko.“

Die Rechnung ist simpel: Wer Olympia will, muss künftig mindestens drei Programme bedienen – CT, ISA Games und Kontinentalevents. Für Surfer aus Ländern ohne starke nationale Serie bedeutet das zusätzliche Budgets von rund 80 000 Euro pro Saison. „Kleine Verbände jubeln, weil sie plötzlich zwei Startplätze aus eigener Kraft generieren können“, sagt ein europäischer Team-Coach. „Die Athleten sehen nur die Extrabelastung.“

Die machtfrage hinter den wellen

Die machtfrage hinter den wellen

Aguerre sitzt seit 1994 auf dem ISA-Thron und hat Olympia für das Surfen erst möglich gemacht. Nun nutzt er seine Stimme im IOC, um die Eigenständigkeit des Sports zu wahren – und die WSL auf Distanz zu halten. Die Gegenbewegung formiert sich: Australien, Brasilien und die USA fordern ein „Joint-Qualification-System“, das CT-Ranglisten und ISA-Ergebnisse gleichwertig behandelt. Bislang liegen diese Anträge unbeantwortet im IOC-Posteingang.

Die Zeit drängt. Die Terminkalender 2027/28 sind noch offen, aber schon jetzt kollidieren erste Events. Die WSL plant ihr traditionelles US Open of Surfing auf dieselben September-Wochen wie die ISA Games. Wer zieht sich zurück? Die Antwort wird nicht auf dem Wasser fallen, sondern in den Sitzungszimmern von Lausanne.

Für die Sportler bleibt ein Fakt: Wer 2028 in Trestles paddelt, muss bis 2027 mindestens drei Kontinente unsicher gemacht haben. Die Wellen bleiben gleich, der Weg zu ihnen wird zur Weltreise. Und die nächste große Klappe droht schon: Sollte der neue Modus floppen, könnte das IOC 2032 ganz auf Surfing verzichten. Dann wäre selbst der perfekte Cutback nichts mehr wert.