Stroll platzt der kragen: «wir schaffen gerade mal eine halbe rennrunde»

Lance Stroll spricht mit stockender Stimme, die Hände vergraben in den Taschen seiner Aston-Martin-Kapuzenjacke. Suzuka, Donnerstag, 09:43 Uhr Ortszeit – eigentlich nur eine Pflicht-Pressestunde vor dem Japan-GP. Doch was der Kanadier da von sich gibt, klingt nach dem Protokoll eines Notarztes, nicht nach dem üblichen PR-Geplänkel. «Wir sind drei Sekunden weg. Drei. Komplette. Sekunden. Und selbst wenn wir die Vibrationen in den Griff bekommen, reicht das nur für eine halbe Rennrunde, bevor das Auto sich wieder selbst zerreißt.»

Honda feiert heimspiel, aston martin versteckt sich

Fernando Alonso lässt sich als frischgebackener Vater ein paar Tage Urlaub gönnen – und genau das ist das Problem. Ohne den Spanier, der in den vergangenen Jahren selbst aus einer Schüttelpuppe noch Punkte zauberte, bleibt Stroll allein auf weiter Flur. Die Rede ist von einem «Mauer-unten-Problem», das sich nicht mit Setup-Tricks wegzaubern lässt. Die AMR26 zittert sich auf den Geraden die Seele aus dem Leib, die neue Honda-Batterie liefert zwar mehr Spannung, aber keine Ruhe. «Wir haben neue Dämpfer bekommen, neue Software, neue Gummis zwischen Motor und Chassis – und trotzdem schlägt das Lenkrad in meinen Händen wie ein Vorschlaghammer», sagt Stroll. Die Folge: Seit China wissen die Ingenieure, dass bei 320 km/h das Triebwerk um 2,4 Millimeter ausschlägt. Genug, um die Lager auf Dauer zu pulverisieren.

Die Ironie: Suzuka ist Hochgeschwindigkeitskurs Nummer eins im Kalender. 130R, die berüchtigte Linkskurve, folgt auf die Hangkurve, danach kommt die Dunlop-Kurve – alles Passagen, in denen das Auto in dieser Saison bisher nur mit angezogener Handbremse durchtauchen kann. «Wir verlieren in den schnellen Ecken zweieinhalb Zehntel pro Sekunde», rechnet Stroll vor. «Mal sehen, ob wir bis Sonntag überhaupt eine Lösung finden. Oder nur ein Pflaster.»

Handgelenke heile, hoffnung kaputt

Handgelenke heile, hoffnung kaputt

Er selbst spürt die Erschütterungen am meisten. 2023 stürzte er mit dem Rad, seither sind seine Handgelenke empfindlich. In Shanghai klopfte das Lenkrad so heftig, dass er nach 15 Runden die Box anflehte. «Keine Sorge, meine Gelenke halten», wehrt er Nachfragen ab. «Aber wenn du nach fünf Runden keine Kraft mehr in den Fingern spürst, bringt dir das auf der Strecke nichts.» Mechaniker berichten, dass Stroll nach dem Training letztes Mal zehn Minuten lang die Boxentür nicht öffnen konnte – weil seine Daumen krampften.

Die PR-Abteilung von Aston Martin will das Thema runterspielen. «Lance ist topfit», heißt es auf Nachfrage. Doch intern ist man alarmiert. Die nächste Motoren-Version kommt frühestens in Imola. Bis dahin bleibt den Piloten nur eins: das Steuer so fest umklammern, dass kein Zentimeter Spielraum bleibt – und zu hoffen, dass das Triebwerk nicht vorher in sich zusammenfällt.

Die nüchterne Bilanz: In den ersten vier Rennen gab es drei Ausfälle, zwei wegen Motorschäden, einmal wegen Getriebeeinbruchs. Punkte? Null. Die Design-Abteilung in Silverstone hat in den vergangenen Wochen 37 Upgrades auf die Reise geschickt – doch kein Teil bringt mehr als zwei Zehntel. «Wir fahren mit einem Auto von 2023 und einem Motor, der eigentlich für 2026 gedacht war», sagt ein Boxen-Ingenieur anonym. «Das ist keine Entwicklung, das ist ein Notprogramm.»

Stroll selbst will sich nicht in Selbstmitleid ergehen. «Jammern hilft nicht. Wir müssen das Rennen einfach nur ins Ziel bringen. Beide Autos. Das wäre schon ein Sieg.» Dann packt er seine Kopfhörer, biegt zur Truck-Paddock-Bar ab und bestellt einen doppelten Espresso. «Zuckerfrei», wirft er dem Barista hin. «Wenn schon alles wackelt, soll wenigstens der Kaffee fest im Becher bleiben.» Suzuka wird zeigen, ob aus der halben Rennrunde vielleicht doch eine ganze wird – oder ob die nächste Ausfahrt schon nach zwölf Kurten heißt: Boxenstopp, Motor aus, Saison vorbei.