Stephanie jenal bricht saison ab: knie kaputt, kopf noch da
Es ist der 22. April, drei Wochen nach Ostern, und Stephanie Jenal sitzt immer noch im Sportzentrum Magglingen. Kein Osterlamm, kein Schneeglöckchen, nur das quietschende Geräusch des Ergometers und das Bild ihres letzten Sprungs, das sie auf Instagram postet. „Mein letztes Action-Foto dieser Saison“, schreibt sie. Ein Satz, der klingt wie ein Todesstoß.

Die schweizer speed-queen und ihr knie – eine geschichte ohne happy end
Jenal ist 28, dreimalige Weltcup-Siegerin, und das zweite Mal innerhalb von zwölf Monaten außer Gefecht. Das erste Mal war ein Kreuzbandriss, diesmal ist es der Musculus quadriceps femoris, der sich weigert, mitzumachen. Die Schmerzen begannen schon in Val di Fassa, sie wurden lauter in St. Moritz, und als sie in Crans-Montana beim Aufwärmen das erste Tor umrundete, schrie ihr Knie so laut, dass sie es bis ins Zelt hörte.
„Psychisch ist es sehr schwer zu akzeptieren, dass mein Knie und meine Muskeln noch nicht bereit sind“, sagt sie. Das Wort „akzeptieren“ benutzt sie dreimal im selben Satz, als wäre es ein Fluch, den sie loswerden will. Die Ärzte nennen es eine „reaktive Entzündung“, Jenal nennt es „mein persönlicher Albtraum im Loop“.
Seit drei Wochen trainiert sie zweimal täglich im Rehab-Center, einmal unter Wasser, einmal auf dem Liegerad. Die Kollegen fahren noch Slalom, sie fährt nur noch Treppen hoch und runter. Das Knie bekommt Laser, Strom, Ultraschall und manchmal, wenn niemand hinsieht, auch Tränen. Die Statistik sagt, dass nur 62 % der Speed-Läufer nach zweimaliger Knie-Reha wieder in die Top-30 kommen. Jenal ignoriert die Zahl, aber sie kennt sie.
Die Saison ist vorbei, bevor sie richtig begann. Kein Weltcup-Podest, kein Heimrennen in Zermatt, kein Siegerfoto. Stattdessen ein Foto aus der Reha-Halle: Jenal in Shorts, das rechte Bein in einer blauen Bandage, dahinter ein Poster von Roger Federer, der sieht, wie man aus Verletzungen zurückkommt. Sie schreibt: „Ich werde alles tun, um in der nächsten Saison so stark wie möglich zurückzukommen.“ Das klingt nach Kampfansage, aber auch nach dem, was sie letztes Jahr schon geschrieben hat.
Die Weltcup-Saison 2024/25 beginnt in 180 Tagen in Sölden. Jenal muss in 150 Tagen wieder auf Skis stehen, in 120 Tagen wieder Vollgas geben, in 90 Tagen wieder Schmerz aushalten. Sie hat schon den Kalender aufgehängt, jeden Tag ein Kreuz. Das Knie schläft noch, aber der Kopf ist wach. Und der sagt: Das nächste Action-Foto kommt, egal wie.
