Stadion-fans werden verkabelt: fußball lässt herzen in cottbus rasen
Nicole Kossatz spürt es nicht, aber ihr Blutdruck schreht schon vor Anpfiff auf 160. Die 52-Jährige sitzt in Fan-Kluft, am Oberkörper klebt eine Elektrodengirlande – und wird damit zur lebenden Messstation. Die Mediziner der Lausitzer Universität wollen wissen: Was macht der Fußball wirklich mit unserem Herzen?
Erste daten: schon vor dem spiel ein kleiner marathon
Die Antwort kommt in Echtzeit. Noch ehe der Ball rollt, zeigt das 24-Stunden-EKG der Schwestern Kossatz und Schier Pulswerte, wie man sie sonst nur vom Zehnkampf kennt. „Das ist der reine Sympathikus-Feuerwerk“, kommentiert Studienleiter Dirk Große Meininghaus. Das Forscherteam um ihn herum hat sich in einem Container neben dem Gästeblock eingerichtet – und wartet auf das, was Mediziner „emotionale Kammerflattern“ nennen.
Dabei geht es nicht um einzelne Fan-Schicksale. Die Cottbuser Studie ist Teil eines bundesweiten Pilotprojekts des Kompetenznetzes Vorhofflimmern. Gesucht wurden Freiwillige ab 40 Jahren, Männer wie Frauen, die regelmäßig live dabei sind. Etwa 200 Datensätze will das Team bis Saisonende gesammelt haben – genug, um belastbare Aussagen über Rhythmusstörungen beim Fußball zu treffen.

Jubel, fluch, nachwirkungen: das herz vergisst nichts
Was die Wissenschaftler interessiert, ist das Nachspiel. „Arrhythmien können sich stundenlang nach dem Spiel halten, besonders wenn der Körper vom Hoch in den Schlafmodus wechselt“, sagt Große Meininghaus. Die Nachtwache der Probanden wird daher genauso scharf analysiert wie der Aufstiegskampf auf dem Platz. Die ersten Kurven zeigen bereits, dass schon der erste Pfiff ein kleines Erdbeben im Brustkorb auslöst – und jede vergeblicse Torchance den Blutdruck erneut in die Höhe schnellen lässt.
Für Nicole Kossatz ist das keine abstrakte Statistik. „Ich kenne das Kribbeln, wenn 10 000 Leute gleichzeiten aufspringen“, sagt sie während der Halbzeitpause. „Aber mal zu sehen, wie mein Herz dabei aussieht, das ist schon verrückt.“ Ihre Schwester Norina lacht, beißt aber gleichzeitig in ihre Stadionpommes. Der Blick aufs Smartphone verrät: 145 Schläge pro Minute – fast wie beim Joggen, obwohl sie sitzt.

Preis: daten gegen gesundheits-app
Die Gegenleistung für die Probanden ist ein personalisierter Zugang zur Präventions-App „HerzFit“, entwickelt vom Deutschen Zentrum für Herzrhythmusstörungen. Dort bekommen die Fans nicht nur ihre Kurven zu sehen, sondern auch Empfehlungen: weniger Salz am Spieltag, mehr Bewegung in der Woche, vielleicht mal ein paar Minuten Atemtraining vor dem Anpfiff. „Wir wollen keine Angst machen, sondern Bewusstsein schaffen“, betont Große Meininghaus.
Das nächste Testfeld steht schon fest: Anfang April empfängt Cottbus 1860 München, danach Rot-Weiß Essen. Wer mitmachen will, muss nur zweierlei mitbringen: eine Dauerkarte und ein gesundes Interesse an der eigenen Zukunft. Die Auswertung der ersten 50 Datensätze liegt bis Sommer vor – pünktlich zur entscheidenden Saisonphase. Dann wird sich zeigen, ob der Aufstieg nur die Liga wechselt oder auch die Herzen der Fans verändert.
Fakt ist schon jetzt: Für Nicole Kossatz und Tausende andere ist der Besuch im Stadion ein 90-Minuten-Höchstleistungsprogramm. Die Cottbuser Studie liefert das erste belastbare Bild davon – und mahnt zur Vorsicht. Denn wer sein Herz am Wochenende so fordert, sollte es unter der Woche nicht schonen, sondern pflegen. Die Mediziner nennen das „Prävention statt Reanimation“. Die Fans nennen es schlicht: „Nächstes Mal wieder – aber dann mit besseren Werten.“