Wück fordert: männerfußball muss lernen, was frauen schon leben

Christian Wück spricht es laut aus, was viele denken: Der Frauenfußball ist beim Thema Homosexualität Lichtjahre voraus. Nach dem Coming-out von St.-Pauli-Coach Christian Dobrick erklärt der DFB-Frauenchef, seine Sportart sei „ganz normal“ – ein Wort, das im Männerbereich noch immer wie Fremdsprache klingt.

Wück zieht die bilanz: „bei den männern ist es das erste mal“

Wück zieht die bilanz: „bei den männern ist es das erste mal“

Der 52-Jährige sitzt in der DFB-Medienrunde, zieht Luft und sagt den Satz, der Reflex auslöst: „Vielleicht müssen die Männer ein bisschen mehr von den Frauen lernen.“ Damit meint er keine Taktik, keine Technik, sondern den Umgang mit der eigenen Identität. Während sich im Frauenbereil schon lange keiner mehr dafür entschuldigt, wen er liebt, sorgt Dobricks Outing im Männerzirkus für Wellen – obwohl es 2026 ist.

Julian Nagelsmann hatte kurz zuvor bei RTL/ntv nachgelegt: „Es ist etwas Normales.“ Doch genau diese Normalität ist im Profi-Männerfußball noch immer ein Exot. Wück kennt die Zahlen: In der Frauen-Bundesliga outen sich Spielerinnen, ohne dass Pressemitteilungen folgen. Beim Männer-Tempo wird jede private Enthüllung zum Medienereignis – und damit zum Risiko für Imageverluste und Sponsorenangst.

Die Ironie: Der Frauenfußball, jahrelang belächelt als Dauerbrenner mit kleinen Zuschauerzahlen, liefert jetzt die Blaupause für Toleranz. Wück spricht von „Selbstverständlichkeit“, die dort herrsche. Keine Coming-out-Stories, weil Coming-out dort keine Story ist. Keine Hetze auf Tribünen, weil das Publikum längst diverser ist als das Klischee von Familien-Sonnenkreis und Vereinsfest.

Die Folgen für den Männerbereil sind brisant. Sponsoren fordern Diversity-Konzepte, Verbände mussten Anti-Diskriminierungs-Leitlinien nachschärfen, und trotzdem zögern Spieler, sich zu outen. Die Angst vor Stammplatzverlust, vor Hassmails, vor Kommentarspalten, die sich in homophobe Schreie verwandeln. Dobrick ist der erste aktive Trainer in einem deutschen Männer-Profi-Team, der sich öffentlich outet – ein Fakt, der alles über die Lage aussagt.

Wück will keine Pattsituation. Er fordert kein Entschuldigen, sondern ein Nachmachen. „Am Anfang ist es immer schwer“, sagt er – und meint damit nicht die Liebe, sondern den Männerfußball. Die Lösung liegt längst auf dem Platz nebenan. Dort spielen Frauen, die schon längst verstanden haben: Fußball ist kein Schützenfest für Maskulinität, sondern ein Spiel für alle.

Die Kampagne „Football is for everyone“ klebt seit Jahren auf Banden, doch erst wenn ein Coming-out kein Aufmacher mehr ist, wird der Slogan Realität. Wück hat die Rechnung aufgemacht: Wenn der Männerfußball nur ein Zehntel der Offenheit übernimmt, die Frauen seit Jahren leben, wäre Dobrick nicht der erste, sondern einer von vielen. Bis dahin bleibt der Frauenfußball das Vorbild – und der Männerfußball der Nachzügler in eigenem Stadion.