Wirtz zaubert das 4:3 – und lügt sich selbst an
Florian Wirtz schlug den Ball, die Schweiz schlug die Hände über dem Kopf zusammen. 61. Minute, 3:2, ein Schlenzer vom linken Strafraumeck, der erst langsam, dann unhaltbar in den Knick einschlug. Die ARD-Kommentatoren schrieen „Traumtor!“, Wirtz grinste kurz, bevor er zugab: „Ich würde lügen, wenn ich den so reinmachen wollte.“
Ein abend, an dem wirtz alles berührte
Der 22-Jährige steckte in einem Spiel, das sich anfühlte wie ein Komplott gegen die Defensivlehre. Er legte Tahs 1:0 auf, servierte Gnabry das 2:1, schoss selbst das 3:2 und später das 4:3 – insgesamt vier Treffer, an denen er beteiligt war, vier Mal ließ er die Schweizer Abwehr alt aussehen. Das DFB-Dress saß wie maßgeschneidert, die Zahl 10 auf dem Rücken plusterte sich auf.
Was niemand erzählt: Zwischen den Toren patzte die deutsche Hintermannschaft dreimal. Die Schweiz nutzte jeden Zweikampf, jede Lücke. Bundestrainer Julian Nagelsmann schrie sich die Seele aus dem Leib, aber Wirtz rettete die Show mit zwei Schlenzern, die so unterschiedlich waren wie seine Antworten. Beim ersten versuchte er die Flanke, beim zweiten wollte er treffen – und traf. „Beim zweiten Tor sieht man, dass ich den reinschießen wollte“, sagte er und klang, als hätte er die Lüge vom ersten Treffer abgelegt.

Eltern auf der tribüne, wm-form im bein
Nach dem Abpfiff suchte Wirtz die Tribüne. Papa Hans und Mama Karin standen, klatschten, hielten die Hände vors Gesicht. „Schön, wenn die Eltern so ein Spiel mit dir zusammen erleben“, sagte Wirtz. 38 Länderspiele stehen jetzt in seinem Pass, vielleicht war dies seine beste Nacht im Nationaltrikot. Die Statistik lügt nicht: Noch nie zuvor war er an vier Toren in einem Spiel beteiligt.
Die WM in Nordamerika rückt näher. Wirtz spielt sich in Form, Liverpool buhlt schon länger, Nagelsmann baut ihn zur Leitfigur um. Am Montag folgt der Test gegen Ghana, dann wird wieder geschummelt, geschlenzt und geschummelt. Wirtz lacht: „Es muss ja in den wichtigen Momenten klappen, und heute hat es das.“ Die Schweiz flog nach Hause, Deutschland fliegt weiter – auf der Schulter des 22-Jährischen, der sich selbst nicht ganz glaubt, wie sehr ihm der Ball gerade gehorcht.
