Wind stoppt freitags traumsprung – 227,5 meter zählen plötzlich nicht
227,5 Meter – ein deutscher Rekord, ausgezeichnet mit Applaus, sofort gestrichen. Der Wind in Vikersund wurde so launisch wie ein Schiedsrichter in der Nachspielzeit, und die Jury entschied: Der zweite Durchgang der Skifliegerinnen ist hinfällig. Damit bleibt Selina Freitag nur die Erinnerung an den Flug ihres Lebens – und Platz zehn.
Warum der zweite sprung trotzdem für stimmung sorgte
Die Sächsin hatte sich nach ihrer 216-Meter-Weite im ersten Umgang noch hinter dem norwegischen Trio um Eirin Maria Kvandal einsortiert. Dann ging das Tor auf, der Wind drehte – und Freitag raste mit 98 km/h Anflug weit über die kritische 240-Meter-Marke hinaus. Die Tribüne jubelte, das Deutsche Team klatschte sich ab, selbst die norwegischen Coaches verneigten sich. Sekunden später kam die Durchsage: Wettbewerb abgebrochen, Ergebnis nach Durchgang eins. Statt Gold, Silber oder Bronze: nur Statistik.
Die 24-Jährige nahm es mit Athleten-Gelassenheit. „Ich habe einfach gemerkt: Heute bin ich bereit. Der Absprung saß, die Landung war stabil – das war kein Glück, das war harte Arbeit“, sagte sie im ZDF. Und weiter: „Das gute Gefühl kann mir kein Wind wegnehmen.“ Für Freitag zählt offenbar mehr als Zahlen. Die Psycho-Trainerin des Teams, Lisa Braitsch, hatte vor dem Flug nur gesagt: „Stell dir vor, du fliegst über deine Zweifel weg.“ Offenbar hat sie genau das getan.

Das experiment skifliegen der frauen steht noch auf wackeligen füßen
Erst seit dieser Saison dürfen Frauen im Weltcup die große Schanze attackieren, Vikersund war Station drei. Die interne Bilanz: zwei Ausfälle wegen Windes, einmal wegen Nebels. Die TV-Quoten steigen, die Athleten fordern mehr Trainingszeit auf der Kulm-Schanze. „Wir springen nicht weniger riskant als die Männer, aber die Strukturen sind halb so groß“, monierte Österreichs Topcoach Lisa Eder. Die Entscheidungsträger lauschen. Für Planica nächste Woche steht bereits eine doppelte Trainingseinheit auf dem Programm – ein Novum.
Die Zahlen liefern ein klares Argument: Insgesamt 14 Athletinnen flogen in Vikersund weiter als 200 Meter, fünf davon über 220. Die Sprungwelt ist bereit für neue Maßstäbe, nur die Wettervorschau will noch nicht mitspielen. Die Organisatoren von Planica haben bereits angekündigt, den Start bei Windgeschwindigkeiten über 2,5 m/s zu verlegen – was wiederum die TV-Planer verärgert, weil Prime-Time-Slots wegfallen.
Selina Freitag wird trotzdem anreisen. Sie will den Rekord, der offiziell werden darf. „Ich weiß, dass ich ihn kann. Nächstes Mal reicht es vielleicht auch für die Urkunde“, sagt sie und grinst. Und wer weiß: Vielleicht dreht der Wind dann einfach nicht mehr um.
