Vinicius trägt brasiliens hoffnung – und zerbricht daran
Die gelb-grüne Seleção taumelt, und an der Spitze des Sturms steht ein 23-Jähriger, der in Madrid noch zum Ballon-d’Or-Kandidaten wird, in Brasilien aber plötzlich als Sündenbock endet. Vinicius Junior trägt seit Kurzem das Trikot mit der 10. Nummer – und damit ein Erbe, das schwerer ist als jedes Clásico.

Ex-selecão-stürmer luis fabiano zieht die notbremse
»Das Problem sitzt in Vinicius selbst«, sagte der frühere Sevilla-Torjäger in ESPN Brasil und ließ kein Blatt vor den Mund. »Dorival, Diniz, Tite – alle haben ihm Vertrauen geschenkt. Was hat er zurückgegeben? Null Tore, null Spielkultur, null Durchschlagkraft.« Die Zahlen sprechen für sich: In den letzten neun Länderspielen kam der Flügelstürmer auf zwei Vorlagen, kein Treffer, dafür 24 Ballverluste im letzten Viertel. Das ist nicht nur Statistik, das ist ein Offenbarungseid.
Fábio Luciano, einst Abwehrchef von Corinthians und heute TV-Experte, schaltet einen Gang höher. »Vinicius versucht, Neymar zu sein, ohne Neymar zu sein«, wettert er. »Er rennt in die Zentrale, wo drei Gegner lauern, spielt vertikale Pässe, die nicht ankommen, und glaubt, er müsse jeden Freistoß schießen. Das ist keine Taktik, das ist Selbstinszenierung.« Besonders der Blick auf das Rückennummer stößt Luciano sauer auf: »Als ich ihn mit der 10 sah, habe ich den Fernseher ausgemacht. Diese Nummer gehört Rivelino, Zico, Ronaldinho – Spielern, die das Spiel lesen wie ein Schachbrett. Vinicius ist ein Sprinter, kein Regisseur.«
Die Kritik trifft einen Spieler, der bei Real Madrid in 43 Pflichtspielen 24 Scorerpunkte sammelte und in der Champions League Defensivreihen zerfetzt. Doch das ist Madrids System: offenes Feld, Modrić-Kroos-Dreiecke, Raum für Konter. Brasiliens Nationalteam hingegen spielt seit Jahren ein Possession-Modell, das Tempodribblings weniger wertschätzt als kombinatives Geduldsspiel. Die Folge: Vinicius wirkt wie ein Sportwagen im Stau – viel PS, aber kein Platz.
Der Verband hat trotzdem schon jetzt signalisiert, dass Carlo Ancelotti im Sommer das Zepter übernimmt – und mit ihm der Spieler, den er in Madrid perfektioniert. Die Ironie: Der Coach, der Vinicius zur Weltklasse formte, soll nun die Nation retten, die seinen Schützling gerade demontiert. Ob das reicht, wird sich zeigen. Fest steht: Wer die 10 trägt, muss Tore machen oder geht unter. Bislang tut Vinicius Letzteres. Und die Fans verlieren nicht nur die Geduld, sondern auch die Lust.
