Viggo kristjansson wirft 16 tore und spült erlangen den klassenerhalt in die netze

Die Uhr zeigte 59:58, die Halle kochte, der Ball lag wie angeklebt in Viggo Kristjanssons Rechten. Dann knallte der Isländer zum 16. Mal ein. 36:31. Rekord. Rettung. Rausch.

Zwei sekunden, die alles versiegeln

Die Daikin Bundesliga liefert jeden Samstag Dramen, aber selten eines mit einem Protagonisten, der sich selbst zum Statistiker macht. Kristjansson verwandelte 16 seiner 19 Würfe – 84 Prozent Trefferquote, ein Wert, als hätte jemand das Tor per Zoom-Zugang vergrößert. Der alte Bestwert des 26-Jährigen war 14 Treffer, aufgestellt vor zwei Jahren in Kiel. Jetzt hört die Liste bei 16 auf, und Mindens Coach Aaron Ziercke schüttelt noch am Sonntag den Kopf: „Wir haben versucht, ihn doppelt zu nehmen, die Kreise zuzustellen, aber der Kerl trifft selbst aus der Cafeteria.“

Was niemand aufschreibt: Die erste Halbzeit war ein Schaukampf. Erlangen lag 15:17, die Abwehr stand wie ein Sieb, und Kristjansson touchierte nur dreimal Netz. Dann der Umschalter. 30 Sekunden nach Wiederanpfiff zog er vom halbrechten Kreis, 1:0 für den Isländer gegen die eigene Nervosität. „Ich spüre sofort, wenn die Schultern locker werden“, sagt er später, „dann fliegt der Ball, statt dass ich ihn schiebe.“ Fliegen tat er sieben Mal in Folge, bis Minden die Deckung auf 5-1 umstellte – vergeblich. Erlangens Spielmacher Maximilian Janke fütterte seinen Rückraum wie einen Automaten, und Kristjansson schaltete so schnell, dass selbst die Statistiker zweimal hinschauen mussten.

Der shake statt das siegerbier

Der shake statt das siegerbier

In der Kabine steht ein silberner Shaker anstatt Kiste Bier. „Ich mag den Geschmack von Protein-Kohlenhydrat einfach besser“, lacht der Isländer und wischt sich weiße Pulverreste vom Kinn. Die deutschen Kollegen trinken, er schüttelt – und das mitten in Franken, wo Bier Kulturgeschichte ist. Doch wer ihn kennt, weiß: Kristjansson ist Detail-Fetischist. Schlafsensor, Ernährungs-App, Mentales Training mit isländischem Seelenkino. „Wenn ich fünf Prozent besser werde, reicht das für zwei zusätzliche Tore. Heute waren es sechs.“

Die Tabelle spiegelt ein neues Leben wider: neun Punkte Vorsprung auf die Abstiegsränge, 24 Tore Plus, die beste Rückrunde seit dem Aufstieg 2017. Sportchef Florian Bichlmeier wedelt trotzdem ab: „Wir reden nicht über Klassenerhalt, wir reden über Platz zehn.“ Doch die Zahlen lügen nicht. Ohne Kristjanssons 16 Treffer wäre Minden auf zwei Punkte herangekommen, die Saison ein Stück enger, die Nervosität ein Stück größer.

Und der Held selbst? Der schaut schon nach vorn. „Gegen Magdeburg will ich 17“, sagt er trocken, zieht Kapuze über den blonden Schopf und trampelt richtung Ausgang. Keine Show, keine Selfies, nur ein Mann, der weiß, dass Rekorde Flugtickets haben – sie fliegen, sobald man sie feiert. Erlangen atmet auf, die Liga atmet durch, und irgendwo im nordisländischen Akureyri klingelt vermutlich das Telefon: Mama Kristjansson will wissen, ob Sohnemann tatsächlich aus 18 Metern traf. Die Antwort lautet: Ja. Und er hätte auch noch den Ball aus der Cafeteria genommen.