Van aerts warnschuss vor dem fegefeuer: gelbes trikot tickt
Die sechs Flüchtlinge waren schon Geschichte, als Wout van Aert die Zielgerade betrat. Mit 72 Kilometern in den Beinen und 38 km/h im Gesicht hammerte er seinen Sprint so gnadenlos, dass selbst Dorian Godon – der bisherige König der Massensprints – nur noch Staub schluckte.
Ein Tag vor dem Gipfelkrieg von Villars-les-Dombes hatte der Belgier den Warnschuss abgegeben, den alle Favoriten gehört haben wollen.
Die letzten flachlandkilometer
Die fünfte Etappe des Tour Auvergne-Rhône-Alpes – das Ex-Dauphiné – spielte ein altes Drehbuch ab: 170 Kilometer, zwei Akte. Frühes Hügelland für die Ausreißer, 60 Kilometer Ebene für die Jäger. Julen Arriolabengoa (Caja Rural) führte das Sechser-Kollektiv an, das sich eine Zwei-Minuten-Frist erkämpfte und sie bis 14 km vor Schluss verteidigte.
Dann zog Bruno Armirail das Visma-Seil straff. Cofidis, Tudor und Bahrain schalteten sich ein. Die Lücke löste sich in Sekundenschnitte. Die Nervosität fror zu. 10 km: Fünf Sekunden. 8 km: Finito.

Van aerts roulette
Der Niederländer hat diesen Sommer nur eine Gangart: Angriff. Nach seinem Zeitfahrsieg im Teamwettkampf und drei Ausreißertriumphen anderer Leute wollte er den Befreiungsschlag vor den Alpen. Seine Visma-Equipe legte die letzten drei Kilometer wie ein Tempozug aus, der die Konkurrenz in Schach hielt und Van Aert die perfekte Rampe gab.
Im roten Trikot des Führenden – er trägt es seit dem Prolog – sprintete er mit offenem Hemd und geschlossener Miene. Godon kam links, Van Aert antwortete rechts, und die Linie war schon vorbei. 3:36:12 Stunden, Platz eins. Keine Diskussion.

Morgen beginnt das echte spiel
Die Alpen warten mit vier Anstiegen der ersten Kategorie auf, darunter der Mont du Chat. Wer morgen das Gelbe verteidigt, muss sich nicht nur gegen Van Aert durchsetzen – er muss sich gegen die Berge behaupten. Die Stoppuhr tickt. Die Berge ticken lauter.
Van Aert hat gezeigt, dass er auch ohne Höhenmeter gewinnen kann. Die Frage ist nur, ob er das Gelbe auch tragen darf, wenn die Straße nach oben zeigt.
