Thc verliert, trotzt und feiert: graz wartet
Salza-Halle, 29. März, 20:03 Uhr – die Uhr tickt runter, Nykøbing führt mit einem Tor, und trotzdem brüllt der Thüringer HC seinen Platz im Final-Four heraus. 36:37 lautet das Ergebnis, doch die Zahlen lügen: Der Titelverteidiger lebt.
Reichert spielt mit krücken, nicht mit zweifeln
Johanna Reichert hatte die Woche über kaum trainieren können. Was blieb, waren Spritzen, Tape und der feste Vorsatz, ihre Mannschaft nicht im Stich zu lassen. 15 Tore später steht sie im Mixed-Zone-Kreis, schwitzt noch die letzten Schmerzen aus und lacht trotzdem: „Wir haben gewonnen, ohne zu gewinnen – das ist der Sport, den ich liebe.“
Die Däninnen starten wie aus der Kanone. Die ersten 15 Würfe sitzen allesamt, THC-Keeperin Ines Granoll trifft nur noch Latte oder Luft. 9:15 nach 18 Minuten – das Aus wäre längst besiegelt, würde nicht Natsuki Aizawa mit einem japanischen Seitwärtssalto auf 18:20 verkürzen. Die Halle tobt, die Gegenseite schweigt. Ein Hauch Olympia-Atmosphäre mitten in Thüringen.

Müller schmeißt die taktische schablone weg
Trainer Herbert Müller wechselt in der 22. Minute auf Manndeckung, stellt auf 3-2-1 um und riskiert damit alles. „Ich habe den Damen gesagt: Wenn wir jetzt untergehen, dann eben mit offenem Visier“, sagt er hinterher. Die Antwort folgt auf dem Feld: ein 6:0-Lauf, 29:27 in der 44. Minute – plötzlich liegt Nykøbing am Boden.
Doch der European-League-Fluch will den Thüringerinnen keine Gnade lassen. Clara Lerby trifft von links, von rechts, aus dem Rückraum, vom Kreis – elf Mal insgesamt. Die letzten 90 Sekunden werden zur Geduldsprobe. Reichert wirft den Ausgleich an den Pfosten, Aizawa rutscht weg, der Ball rollt ins Seitenaus. Pfeife. Niederlage. Applaus.

Graz, 16. mai – der kreis schließt sich
Die Uhr im Hallenfoyer zeigt 20:17 Uhr, als die Mannschaft die Kabine verlässt. Kein Bierdusche, keine Siegespose. Stattdessen ein gemeinsames Foto vor der Anzeigetafel, auf der 36:37 leuchtet – ein Foto, das im Klubmuseum bald das Label „Der Tag, als wir verloren und weiterkamen“ tragen wird. Die nächste Station heißt Graz, Halbfinale gegen Metz oder Ferencváros. Für Reichert steht fest: „Dort gewinnen wir wieder, ohne moralische Siege. Diesmal zählt nur das Ergebnis.“
Der Thüringer HC hat sich selbst in eine Arena voller Paradoxien katapultiert: verloren, aber weiter; angezählt, aber laut; am Boden, aber im Viereck der Besten. Die Saison ist nicht gerettet, sie ist erst richtig gelaufen. Und die Salza-Halle wird in zwei Monaten per Livestream nach Graz strahlen – mit dem Wissen, dass das erste Tor bereits gefallen ist: das der Unverwüstlichkeit.
