Sue piller reist als olympia-teilnehmerin zur junioren-wm – und will zurück mit medaille

Die Junioren-Weltmeisterschaft in Narvik beginnt mit einer Absage-Orgie, doch die 20-jährige Sue Piller ist längst angekommen – im Weltcup-Kader, im Fokus der Medien und im Kopf der Konkurrenz. Die Freiburgerin, dieses Jahr noch in Cortina am Start, fährt in Norwegen nicht gegen Teenager, sondern gegen ihre eigene Bestmarke.

„Ich will einfach nur mein bestes skifahren zeigen“

Piller redet sich nicht klein, aber sie redet auch nichts schön. Nach Olympia, nach Spindlermühle (Platz 6) und nach 13 Weltcup-Punkten klingt ihre Mission fast bescheiden: gesund an den Start, Top-Niveau abrufen, Medaille nur als Nebenprodukt. Die Realität ist weniger romantisch: Donnerstag Riesenslalom in Narvik, Freitag Abflug nach Åre, dort muss sie Top-25 halten, um ins Weltcupfinale einzuziehen. Beine wie Blei? Egal. Selbstvertrauen tankt sie aus Erinnerungen, nicht aus Pause.

Swiss-Ski schickt vier Gesichter in die Team-Kombination, doch nur eine war schon in Peking. Das zieht Journalisten an, aber keine Extraportion Druck. „Im Weltcup kenne ich jeden Gate-Setter, jedes Training face ich mit denselben fünf Girls. Hier ist alles bunt zusammengewürfelt – das entspannt“, sagt Piller. Die Konkurrenz kommt trotzdem aus dem Weltcup: Bocock, Allenbach, Collomb. Namen, die schon in Sotschi oder Killington glänzten. Piller nennt sich Mitfavoritin, doch das klingt nach Taktik. In ihrem Kopf ist sie Favoritin.

Elyssa kuster jagt den slalom, anna flatscher die magen-darm-viren

Elyssa kuster jagt den slalom, anna flatscher die magen-darm-viren

Während Piller zwischen zwei Welten pendelt, haben ihre Teamkolleginnen klarere Pläne. Elyssa Kuster (19) hat in dieser Saison keinen einzigen Riesenslalom gefahren – dafür 13 FIS-Slaloms, drei Siege, kein Resultat schlechter als Rang 3. In Narvik wird sie die steile Slalom-Piste attackieren, als wäre es ein Heim-FIS-Rennen. Die Junioren-WM ist ihre erste grosse Bühne, aber nicht ihr erstes Highlight: Beim Europacup in Zauchensee schrammte sie an der Punkteränge vorbei. „Ich bin hier, um zu lernen, nicht zu feiern“, sagt sie – und klingt dabei wie eine, die genau das Gegenteil plant.

Anna Flatscher (18) trägt den berühmtesten Nachnamen des Schweizer Nachwuchsskifahrens. Tochter von Hans Flatscher und Sonja Nef. Olympia-Gold ersetzt keinen guten Start in einen Lauf, das weiss sie. Freitag erbrach sie sich im Teamhotel, seitdem Iso-Training auf dem Zimmer. „Ich kenne die Mädchen kaum, aber das kommt noch“, sagt sie mit der Gelassenheit von jemandem, der schon vor dem ersten Start aufs Podest geballert wurde. Slalom und Riesenslalom stehen auf dem Programm, Super-G nur in den Köpfen der Trainer. Ihre Saison endet mit Schweizer Meisterschaften, danach Sommertraining – und vielleicht der erste Europacup-Super-G. Der Virus ist weg, der Druck nicht.

Juliette fournier: fünf ausscheidungen, aber nur siege und podeste wenn sie durchkommt

Juliette fournier: fünf ausscheidungen, aber nur siege und podeste wenn sie durchkommt

Die Walliserin Juliette Fournier (16) hat 14 Europacup-Rennen auf dem Buckel, doch die Statistik, die zählt, ist brutaler: vier Siege in neun FIS-Starts, fünfmal Ausgeschieden. Wenn sie die Ziellinie sieht, landet sie maximal auf Rang 4. Das macht sie zur besten und zur gefährlichsten Fahrerin im Kader. In Oppdal wurde sie 15. im Europacup-Riesenslalom – ihr persönlicher Höhepunkt. „Ich weiss, dass ich an einem guten Tag mit allen mithalten kann“, sagt sie. Das Problem: Ihre guten Tage enden oft im Fangnetz. Trainer lassen sie trotzdem starten, weil das Potenzial grösser ist als das Risiko. In Narvik will sie beweisen, dass sie nicht nur für FIS-Pisten gemacht ist.

Die Junioren-WM ist kein Kindergeburtstag. Sie ist eine Vorschau auf den Weltcup der nächsten fünf Jahre. Piller könnte dort bald wieder starten – oder in Åre scheitern und im Europacup neu beginnen. Kuster könnte sich für den Weltcup empfehlen. Flatscher könnte den Nachnamen in neue Rekordbücher tragen. Fournier könnte die Unberechenbare werden, die niemand scouten kann. Wer hier gewinnt, gewinnt keine Medaille. Wer hier gewinnt, gewinnt Zeit. Und Zeit ist das, was Swiss-Ski braucht, bevor die nächste Generation in Kitzbühel oder Aspen wieder nur zuschauen darf.

Die Absage der beiden Abfahrten war ein Sturm im Wasserglas. Die echten Stürme kommen am Donnerstag, wenn der Riesenslalom-Stangenwald steht und die Uhr tickt. Tickt für Piller, die am Freitag nach Åre muss. Tickt für Kuster, die endlich Weltcup-Punkte will. Tickt für Flatscher, die den Magen-Darm-Virus beerdigen will. Tickt für Fournier, die endlich durchkommen will. Keine Frage offen, nur eine Antwort noch nicht gefunden: Wer schafft den Sprung?