Steinmetz pfeift regionalliga – special-hockey-star schreibt geschichte

Ein Pfiff, der weit über Bonn hallt. Thorsten Steinmetz steht auf dem Feld des HTC SW Bonn, grün-weiße Trikots flitzen vorbei, und niemand ahnte vor einem Jahr, dass ein Special-Olympics-Weltmeister heute hier die U14-Elite der Mädchen leitet. 39 Jahre, Grevenbroich, geistige Beeinträchtigung – und jetzt Unified-Schiedsrichter in der Regionalliga. Keine Übung, kein Alibi-Einsatz. Echte Konkurrenz, echter Druck.

Ein schritt aus der komfortzone

„Kleines Feld, kleine Schritte – großes Feld, große Schritte“, sagt Steinmetz trocken und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Vor ihm liegt ein 91,40 mal 55 Meter großes Spielfeld, statt der gewohnten Special-Hockey-Dimension. Seine Stimme zittert nicht, sie schneidet. Beim 1:0-Sieg von SW Köln gegen die Bonnerinnen entscheidet er Strafecke gegen Strafecke, blockt Proteste ab, gibt klare Handzeichen. Das Kölner Trainerduo nickt anerkennend.

Dirk von Jeetze, 1. Bundesliga-Referee und Unified-Partner an seiner Seite, flüstert nur: „Er nimmt sich keine Gnade. Wenn’s eng wird, pfeift er lauter als ich.“ Das Duo hat sich vorab abgesprochen: Jeetze springt ein, wenn die Verarbeitung länger als drei Sekunden dauert – eine Regel, die der DHB extra im Unified-Programm verankert hat. Drei Sekunden, kein Millimeter Spielraum bei der Entscheidung.

Vom weltmeister zum weltpfeifer

Vom weltmeister zum weltpfeifer

Die Karriere des 39-Jährigen liest sich wie ein Drehbuch. 2023 Gold bei den Special Olympics World Games in Berlin, 2024 erste Ausbildung zum Schiedsrichter, 2025 Lizenz in der Tasche. Christoph Adler, ehrenamtlicher Ausbilder des DHB, erinnert sich: „Wir haben 2023 gefragt: Wer traut sich? Thorsten meldete sich als Erster.“ Zwölf Monate später steht er vor 250 Zuschauern und lässt keine Szene aus.

Der Mangel an Jugend-Schiedsrichtern spielt ihm in die Karten. Viele Partien auf Regionalliga-Niveau werden von Eltern überbrückt. Steinmetz liefert Profi-Struktur – und bekommt den Dank direkt vor Ort: Spielerinnen schütteln ihm nach dem Abpfiff die Hand, ein Bonner Mädchen ruft: „Respekt, Herr Schiri!“

Der countdown läuft

Der countdown läuft

In wenigen Wochen fliegt Steinmetz nach Belgien und den Niederlanden, um bei der ersten Special-WM im Hockey zu pfeifen – als einziger deutscher Unified-Referee. Kein Provinznest, sondern ein 10.000-Plätze-Stadion. Die Nervosität? „Die kommt erst in der Kabine, kurz vor dem Anpfiff“, sagt er und grinst.

Das DHB-Ziel klingt kühn: „Wir wollen bis 2027 Unified-Refs auch in der Erwachsenen-Bundesliga sehen“, so Adler. Für Steinmetz heißt das: mindestens zwei Trainingseinheiten pro Woche, Videoanalyse, Fitness-Check. Er nickt. „Ich will nicht nur dabei sein – ich will mitbestimmen.“

Ein letzter Blick zurück aufs Feld. Die Sonne senkt sich über Bonn, die Linienrichter packen zusammen. Steinmetz zieht die Pfeife aus dem Mund, streicht über das silberne Badge. Keine Frage, kein offenes Kapitel. Die nächste Geschichte wartet schon – und sie trägt seinen Namen.