Steffens spätes geschenk zerreißt lugano das herz – und das gesicht
Renato Steffen traf in der 92. Minute, um Lugano doch noch einen Punkt zu retten. Doch statt Jubel schüttelte er den Kopf. „Wir waren zu elft einfach zu faul“, sagte der 34-Jährige nach dem 1:1 in St. Gallen. Der Treffer war ein Eigentor der Wahrheit.
Die erste hälfte war ein sturm auf die eigene bequemlichkeit
St. Gallen spielte sich selbst in Rage, Lugano spielte sich tot. Dos Santos‘ Platzverweis in der 64. Minute war eigentlich das Todesurteil. Stattdessen wurde es zur Geburtsstunde eines neuen Teams. Unterzahl als Katalysator – ein altes Fußballmärchen, das hier plötzlich Realität wurde.
Steffen packte die Diagnose in zwei Sätzen: „Zu elft haben wir nur rumgepasst. Zu zehnt haben wir endlich Fußball gespielt.“ Die Statistik gibt ihm recht: vor dem Rot nur zwei Torschüsse, danach sieben. Die Kurve der Laufleistung schnellt nach oben wie ein Herzschlag auf dem EKG.

Der freistoß war kein kunstschuss, sondern ein notstand
„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Steffen über sein Tor. Der Ball sollte in den Rückraum segeln, stattdessen kullerte er ins lange Eck. Kein Spin, keine Magie – nur die pure Verzweiflung eines Mannes, der nicht nochmal in der Schweiz verschwinden wollte. Drei Tage zuvor war die Partie wegen Schnee abgesagt worden, die Rückreise damals endete im Frusttief.
Diesmal sitzt er im Mannschaftsbus und weiß: der Punkt rettet nicht die Saison, aber vielleicht das Gesicht. Trainer Mattia Croci Torti wird sich die Zahlen genauer anschauen: warum braucht seine Mannschaft erst ein Rot, um aufzuwachen? Und warum ist St. Gallen mit einem Extra-Mann nicht fähig, die Lücke zu nutzen?
Für die Ostschweizer bleibt ein fader Beigeschmack. Sie dominierten 28 Minuten in Überzahl, schossen nur zweimal aufs Tor. Trainer Leonidas Schwab muss erklären, warum seine Elf plötzlich spielte, als wäre ihr jemand die Luft abgedreht. Die Antwort wird in den Videoanalysen liegen – und in den Köpfen.
Lugano reist nach Tessin zurück mit dem Gefühl, mehr erobert als verdient zu haben. Steffen wird den Bus vermutlich wieder an der gleichen Stelle verlassen, wo er ihn am Freitag betrat. Aber diesmal trägt er ein Lächeln, das nicht nur dem Tor gilt. Es ist das Lächeln eines Mannes, der weiß: manchmal muss man erst auf dem Boden liegen, um wieder aufzustehen. Die Saison ist noch lang. Der Schnee ist geschmolzen. Und die Wahrheit liegt im Rückspiel.
