Stefano de martino feuert neapel auf – comedy-show wird zur sportschule des lachens
Neapel zittert vor Glück. Um 21:20 Uhr jagt Stefano De Martino durch die schräge Bühnenkabine der Rai, und die Gäste müssen sich wie Fußballer an der Seitenlinie warmhalten, bevor die Gravitation zuschlägt.
Mit nur einer Woche Abstand zur Premiere hat „Stasera tutto è possibile“ die zweite Hälfte seiner zwölften Saison eröffnet. Das Thema lautet „Step Duel“ – ein Wortspiel, das mehr ist als ein harmloser Titel. Es ist die Ansage an alle, die glauben, Fernsehen sei nur Zuschauen.
Regie und rhythmus – wie ein konter nach ecke
Sergio Colabona schreit keine Anweisungen, er dirigiert. Sein Blick folgt der Kameradolly wie einem Spielaufbau, bis die Pointe im Tor landet. Dahinter lauert das Autoren-Team von Endemol Shine Italy, das bereits vor der Sendung weiß, wer laut Statistik bei „Stanza Inclinata“ am ehesten rutscht. Die Zahl: 37 % der prominenten Gäste fallen innerhalb von 30 Sekunden. Kein Wunder, dass sich sogar der Maskottchen-Panda sichert, wo der Notausgang ist.
Die Gästeliste liest sich wie ein Kader, den man in der Champions League nie zugelassen hätte, weil sie zu unberechenbar sind: Francesco Paolantoni, Biagio Izzo, Herbert Ballerina, Giovanni Esposito, Brenda Lodigiani, Nek – plus Aurora Leone und Fabio Balsamo von „The Jackal“. Ihre Aufgabe: „Segui il labiale“ mitzuspielen, ohne das eigene Gesicht zu verlieren. Wer hier verliert, gewinnt trotzdem, denn die Clips landen binnen Minuten auf TikTok und generieren Reichweiten, für die klassische Sportsender ganze Spieltage brauchen.

Dj, mimikry und der mann, der sich für gerry scotti hält
Claudio Cannizzaro steht nicht einfach nur hinter den Decks. Er setzt den BPM so knapp über 120, dass die Lachmuskeln sich synchron zum Beat kontrahieren. Parallel schlüpft Claudio Lauretta in die Rolle von Gerry Scotti – eine Imitation, die so perfekt ist, dass selbst die Original-Stimme beim Zappen kurz verharrt. Die Pointe: Wer Scotti imitiert, muss auch dessen Sendezeit meistern. Lauretta schafft das in 23 Sekunden, bevor die Kamera wieder zu De Martino schwenkt.
Die Spielrunde „Do re mi fa male“ klingt nach Musik, ist aber ein auditiver Folterstuhl. Die Promis müssen Lieder erkennen, die live verzerrt werden – ein Test, den selbst erfahrene Stadionsänger vor der Halbzeitshow nicht bestehen würden. Die Quote: Erfolgsrate unter 20 %. Die Konsequenz: jeder Fehler wird sofort in einen Remix verwandelt, der morgens im Radio laufen könnte.

Warum das ganze auch sportfans etwas gibt
De Martino ist offiziell noch nicht Moderator der Sanremo-Festival-Ausgabe 2027, aber wer heute lacht, wird im März des gleichen Jahres auch applaudieren. Die Rai nutzt die Comedy-Bühne als Testlauf für jene Timing-Frage, die Sportrechte teuer macht: Wie lange hält das Publikum durch, bevor es umschalten will? Die Antwort liegt bei 42 Minuten – exakt die Länge einer Halbzeit, inklusive Nachspielzeit.
Der Trick: Die Sendung behandelt Nervenkitzel wie ein Trainingslager. Jeder Sketch ist ein Sprint, jede Pause ein kurzes Tactical Timeout. Wer hier die Übersicht verliert, verliert auch den Anschluss an die Memes, die morgen die Whatsapp-Gruppen der Fußballmannschaften fluten.
Um 23:10 Uhr ist Schluss. Die Gäste taumeln raus, die Kamera fährt hoch, Neapel atmet aus. Die Bilanz: keine Verletzten, nur Bauchschmerzen vom Lachen. Und ein neuer Rekord – die Einschaltquote klettert um 3,4 % gegenüber der Vorwoche. Das klingt nach wenig, reicht aber, um Rai2 in der Zielgruppe 15-44 Jahre auf Platz eins zu katapultieren. Ein Sieg, der keine Niederlage braucht. Wer nächste Woche wieder einschaltet, erhält automatisch das Recht mitzulachen – und die Gewissheit, dass auch im TV manchmal der Underdog gewinnt, wenn er nur schnell genug fällt.
