Spanien zieht vor dem wm-test gegen ägypten den stecker – und barcelona drängt sich auf
Barcelona schreit nach einem Pflichtspiel. Was im Estadi de Cornellà-El Prat passierte, war mehr als ein 0:0 gegen Ägypten – es war ein Statement der Fans, ein Lehrstück für Luis de la Fuente und eine Kampfansage an die RFEF: Gebt uns wieder eine Nationalelf, die zählt.
Lamine Yamal war der einzige, der übrig blieb. Zehn Wechsel nach dem 3:0 gegen Serbien, nur der 17-Jährige durfte bleiben. Keine Personalie, keine Taktik – reine Psychologie. De la Fuente wollte wissen, wer sich in einem halbleeren Stadion noch sichtbar macht. Die Antwort kam in jedem Ballkontakt des Blondschopfs: ein Raunen, als hätte Johan Cruyff persönlich Einzug gehalten.
Ein stadion, das sich selbst übertreffen will
Die Rechnung geht auf. 32.186 Zuschauer in einem Freundschaftsspiel Mitte Mai. Kein Gegner, der zählt – und trotzdem Stehplatzstimmung. Die Zahlen sind ein Fakt, aber das Gefühl ist der Boss: Barcelona hat sich seit 1976 ein Pflichtspiel verdient. Die letzte offizielle Partie der Seleción hier? 2:0 gegen Dänemark, Quali zur EM 1976. Seitdem wurde aus dem Camp Nou eine Touristenfalle und aus Montjuïc ein provisorisches Zelt. Der Espanyol-Bau aber pulsiert.
Der Länderspielkalender der UEFA bietet am 15. November Schmankerl: Spanien gegen England, letzter Spieltag der Nations League. Theoretisch kann die Partie über Gruppensieg oder Abstieg entscheiden. Die RFEF weiß, dass sie ein Feuer entfacht hat, das nur mit einem offiziellen Match zu löschen ist. Die Katalanen haben schon mal ihre Visitenkarte dagelassen.

Rassismus und provinzposse – die schattenseite
Was in den Sozialen Netzwerken „Eskalation“ heißt, beginnt in der 12. Minute mit einem gellenden Pfiff gegen Joan García. Dann das Hupen während der ägyptischen Hymne. Und schließlich das üble „Muslim, hop“-Gebrüll – erdacht von Leuten, die vergessen haben, dass Lamine Yamal selbst muslimisch geprägt aufwuchs. Die Stadiondurchsage fordert den Paragrafen 515 des Strafgesetzes zitiert – und wird ausgepfiffen. Der Zwischenfall dauert 38 Sekunden, reicht aber, um die komplette Vorstellung zu trüben.
De la Fuente reagiert mit dem einzigen Mittel, das ihm bleibt: Er wechselt die Machtverhältnisse. Rodri, Pedri, Fermín und Víctor Muñoz betreten den Rasen, und plötzlich sieht man wieder Spanien. Grimaldo knallt den Ball an die Latte, Raya rettet mit einer Katzenpfote gegen Marmoush, der zuvor den Pfosten traf. Der 0:0-Endstand ist statistisch korrekt, fußballerisch gelogen.

Oyarzabal – der unsichtbare hauptdarsteller
Die größte Geschichte des Abends passiert auf der Bank. Mikel Oyarzabal hätte David Villa einholen können – sechs Länderspiele in Folge treffen, Rekordmarke aus 2010. Doch er sitzt 90 Minuten in der Winterjacke, applaudiert jeden Ball und wirkt dabei größer als jeder, der auf dem Feld steht. De la Fuente schont seinen Kapitän, weil er weiß: In einem EM-Viertelfinale wird Oyarzabal die entscheidende Kopfball-Landesflagge sein, nicht irgendein Statistikfetisch.
Spanien reist mit 30 Debütanten unter De la Fuente weiter – Ander Barrenetxea komplettierte die Serie. Kein anderer Trainer seit 1927 brachte in so kurzer Zeit so viele neue Gesichter. Die Bilanz: 22 Siege, drei Niederlagen, Platz eins im FIFA-Ranking. Die Botschaft: Wir rotieren, bis der Gegner rotiert.
Das Fazit des Abends: Barcelona hat sich ein offizielles Match verdient, Lamine Yamal eine Bodyguard-Truppe und die Fans eine Lektion in Höflichkeit. Wer am 15. November das Estadi de Cornellà-El Prat füllt, wird Geschichte schreiben – und vielleicht auch ein Ende der Provinzposse markieren. Die Karten werden in 32 Sekunden ausverkauft sein. Dann wird kein Pfiff mehr gegen Joan García erklingen, sondern ein Chor, der selbst die Sagrada Família zum Wanken bringt.
