Soudée stoppt die uhr bei 94 tagen: segel-weltrekord gegen den wind

Die Zahlen sind hart, die Leistung brutal. 94 Tage, 21 Stunden, 58 Minuten – Guirec Soudée hat die verflixteste aller Weltumrundungen in Rekordzeit gerissen und dabei einen Landsmann beerbt, der 22 Jahre lang unantastbar schien.

Der gegenwind-sprint, den kaum jemand wagt

Ost nach West: Für Segler ein Schimpfwort. Die Route quert die permanenten Winde der Südhemisphäre, frisst jeden Meter aus den Faser-Körpern der Boote und aus den Knochen der Mannschaft. Genau dort hat Soudée mit seinem 32-Meter-Trimaran MACSF gedreht, was andere für irre halten. 37.670 Seemeilen in knapp drei Monaten – das entspricht 1,7 Mal Erde plus Spur zu Fuß. Der Franzose sagt es in einer Sprachnachricht, Stimme heiser, aber ruhig: „Es ging wahnsinnig schnell.“ Dabei klingt nicht einmal Stolz, sondern Erleichterung, dass das Meer ihn diesmal liebevoll ausspuckte und nicht versenkte.

Sein Opfer: Jean-Luc Van Den Heede, 122 Tage und 14 Stunden Rekord seit 2004. Der Altmeister fuhr Einrumpf, Soudée holt mit riesigem Katamaran und Carbon-Flügeln 27 Tage heraus. Ein Monat Vorsprung, das ist in der Hochgeschwindigkeits-Klasse eine Ewigkeit. Nur sechs Menschen vor ihm schafften diese Route; jetzt ist der Bretonne der schnellste von allen.

Ein start mitten in der nacht der seekrankheit

Ein start mitten in der nacht der seekrankheit

23. Dezember, Sonntag vor Heiligabend – wer legt da los? Soudée. Weil Winterstürme in der Atlantik-Bögenroute am wenigsten Platz für Gnade lassen, aber eben auch für Tricks. Er musste Südlich des Kaps Agulhas das Schlimmste durchstehen: Gegenwind-Maschine, 50 Knoten, Wände aus Salzwasser, die sich wie Beton gegen das Schiff schlugen. Die Crew? Nur er. Solobord, 24 Stunden am Tag, Schlaf in 20-Minütern. Wer einmal Solo-Nonstop gesegelt ist, weiß: Irgendwann hört der Körper auf zu jammern, der Geist übernimmt. Soudée nennt das „in den Takt der Wellen tanzen“ – kitschig klingt’s nur, wenn man’s nicht selbst erlebt hat.

Die virtuelle Ziellinie zwischen Ouessant und Lizard Point passierte er am Samstag um 15:55 Uhr. Keine Massen jubelten, nur ein Support-Boot, ein Mikrofon und die Erinnerung an 37.000 Meilen Einsamkeit. Soudée sagt, er habe Tränen gehabt. Mehr braucht kein Kommentar.

Warum die welt diesen rekord braucht

Warum die welt diesen rekord braucht

Segeln ist nicht mehr Olympia-Disziplin, kein TV-Hit, keine Millionen-Preisgelder. Aber genau deswegen zählt diese Meldung. Sie erinnert daran, dass es noch Räume gibt, wo Technik, Wetter und Mensch sich im Dreikampf messen – ohne VAR, ohne Protestvideo, ohne Zeitnehmer in Türkisweste. Die Strecke Ost-West ist so rar, weil sie unberechenbar ist. Selbst die Vendée Globe, die härteste Solo-Regatta, läuft bequemer von West nach Ost mit den Westwinden. Soudée hat’s rückwärst gemacht – und gewonnen.

Die nächste Challenge schlummert schon. Mit 34 Jahren ist er jung genug, dass ihm keiner glaubt, er würde stillliegen. Fragt man Insider in Lorient, sagen sie: „Er träumt vom Atlantik in 8 Tagen.“ Klingt verrückt. Genau wie 94 Tage gegen den Wind vor 22 Jahren.

Der Rekord steht, der Wind weht weiter. Und irgendwo in der Bretagne sitzt ein Bretonne, schaut auf Wetterkarten und weiß: Die Welt ist nie schneller gewesen, nur weil einer beschloss, in die falsche Richtung zu segeln.