Schmeling: ein weltmeister durch glück und skandal?
Vor 96 Jahren wurde Max Schmeling zum ersten deutschen Schwergewichts-Weltmeister erklärt. Ein Triumph, der jedoch von fragwürdigen Umständen und einem umstrittenen Urteil überschattet wurde – eine Geschichte von Glück, Skandal und der Vereinnahmung durch die NS-Propaganda.
Ein sieg unter protest
Die Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1930 im New Yorker Yankee Stadium: Max Schmeling stand kurz vor dem historischen Moment, als er Jack Sharkey gegenüberstand. Doch der Weg zum Titel war alles andere als sauber. Punktemäßig lag der „Schwarze Ulan vom Rhein“ bereits deutlich hinten, als Sharkey ihn mit einem Tiefschlag zu Boden schickte. Die Disqualifikation erfolgte, und Schmeling wurde zum Weltmeister erklärt – ein Urteil, das sofort auf Ablehnung stieß.
Der Friedensnobelpreisträger und Journalist Carl von Ossietzky spottete wenig später in der Weltbühne: „Es war ein wenig weltmeisterlicher Auftritt.“ Seine Beobachtung traf ins Schwarze: Der Besiegte verließ die Arena auf eigenen Beinen, während der vermeintliche Sieger, Schmeling, schwer verletzt auf einer Bahre abtransportiert werden musste. Ein Bild, das die Absurdität der Situation unterstrich.

Kurze regentschaft und bittere rückschläge
Schmeling verteidigte seinen Titel nur einmal erfolgreich: Im Juli 1931 besiegte er Young Stribling durch technischen K.o. in der 15. Runde. Doch schon im Rückkampf gegen Sharkey, knapp ein Jahr später, folgte ein erneuter Skandal. Obwohl Schmeling über 15 Runden die bessere Leistung zeigte, wurde Sharkey zum Punktesieger erklärt – Schmeling verlor seinen Titel. Für diesen zweiten Kampf erhielt er immerhin 700.000 US-Dollar, ein beträchtlicher Betrag zu jener Zeit.
Der aus Klein-Luckow in der Uckermark stammende Schmeling hatte sich bereits 1927 in Amerika sein sportliches Zuhause gefunden. Erich Kästner warf ihm damals schon vor, den deutschen Meisterschaftstitel aufgegeben zu haben, um von den lukrativen Kämpfen in den USA zu profitieren.

Von der ikone zur propagandafigur
Schmelings legendärer Ruf in Deutschland gründet aber weniger auf den Kämpfen gegen Sharkey, sondern vielmehr auf seinem Sensationserfolg im WM-Ausscheidungskampf am 19. Juni 1936 gegen Joe Louis. Dieser Kampf im Yankee Stadium wurde zum Mythos. Der Sieg passte perfekt in das rassistische Weltbild der NS-Propaganda, und Joseph Goebbels ließ ausrichten: „Es war ein deutscher Sieg“, während der Berliner Lokalanzeiger triumphierend titelte: „Der Führer beglückwünscht Schmeling“. Selbst Adolf Hitler schickte Blumen an Schmelings Frau.
Wie unterschiedlich Schmelings Haltung zur Vereinnahmung war, zeigt sich darin, dass er, obwohl er Volk und Führer dankte, diese nicht über einen gewissen Punkt hinaus zuließ. Er trat der NSDAP nicht bei, behielt seinen jüdischen Manager Joe Jacobs und lehnte sogar eine Ehrung durch Hitler ab. „Ich bin Boxer, kein Politiker“, war sein prägnanter Kommentar.

Ein held mit verstecktem herzen
Noch überraschender ist die Geschichte, die erst 1989 ans Licht kam: Während der Novemberpogrome 1938 versteckte Schmeling zwei jüdische Jugendliche in seinem Hotelzimmer und verhalf ihnen zur Flucht. Ein Akt des Menschlichen, der seinen Ruf als Sportheld zusätzlich aufwertet.
Das kurze ende einer ära
Der zweite Kampf gegen Louis im Juni 1938 dauerte nur knapp zwei Minuten. Schmeling hatte keine Chance gegen den mittlerweile zu einem Weltklasseathleten gereiften Louis. „Niemand hätte an diesem Tag gegen seinen Vater gewonnen“, erzählte Louis’ Sohn später. Nach seiner Rückkehr aus den USA bestritt Schmeling noch einen letzten Kampf, den er 1948 gegen Richard Voft verlor. Gemeinsam mit seiner Frau, der Filmschauspielerin Anny Ondra, fand er in Wenzendorf bei Hamburg sein Zuhause. Sein Tod im Jahr 2005 im Alter von 99 Jahren markierte das Ende einer außergewöhnlichen Karriere, deren Schatten bis heute über alle deutschen Schwergewichte liegen.
