Rüdiger packt aus: „der junge übertreibt – ich wollte ihn nicht umbringen“

Knietritt, blutender Lippen, Rufmord: Antonio Rüdiger hat sich drei Tage nach dem Tumultspiel bei Getafe erstmals lautstark zur Attacke auf Diego Rico geäußert – und dabei sowohl seinen Gegner als auch die Medienkampagne frontal attackiert.

„Wenn man sich die Zeitlupe anschaut, sieht es aus, als würde ich ihm das Gesicht einrammen“, sagte der 33-jährige Verteidiger von Real Madrid am Montagabend in Valdebebas. „Aber der Junge übertreibt. Er redet, als hätte ich ihn umgebracht. Er ist doch direkt wieder hochgesprungen.“

Die szene, die la liga spaltet

3. März, Coliseum Alfonso Pérez, 23. Minute. Rico liegt nach einem Luftduell am Boden, Rüdiger setzt zum Sprint an, springt über den Gegner – und trifft ihn mit dem rechten Knie im Gesicht. Blut, Proteste, Fotoreihen. Der Unparteiische pfeift nicht einmal Freistoß, VAR schweigt, Getafe verliert 0:1. Nach dem Spiel wirft Rico dem Weltmeister „absichtliche Brutalität“ vor: „Kein Profi geht so gegen einen Am Boden liegenden vor.“

Die Bilder gehen durch alle sozialen Netzwerke, spanische Radiostationen sprechen von „Todesstoß“, in Deutschland fragen einige Medien bereits, ob Bundestrainer Julian Nagelsmann den Innenverteidiger für die WM im Sommer aussetzen sollte. Genau diese Debatte will Rüdiger jetzt mit einem Rundumschlag beenden.

„Ich spiele hart, aber ich habe grenzen“

„Ich spiele hart, aber ich habe grenzen“

„Ich mag harte Duelle, ich spiele an der Grenze – aber nicht jenseits davon“, erklärt Rüdiger. „Wenn ich ihn wirklich treffen wollen würde, würde ich mein Beil hochnehmen und nicht springen. Das war ein Zufallsprodukt, kein K.-o.-Versuch.“ Der Deutsche lacht schulterzuckend, dann wird er giftig: „Einige Kommentatoren reden, als wäre Fußball ein Schachspiel in Samthandschuhen. Wenn wir nur noch Luftküsse verteilen, können wir den Sport direkt abschaffen.“

Real-Coach Carlo Ancelotti schickte seinen Abwehrchef prompt zur Pressekonferenz, um die Gemüter vor dem Champions-League-Kracher am Dienstag (21 Uhr) gegen Manchester City zu beruhigen. Die Königlichen führen 3:0 aus dem Hinspiel, ein weiteres Foultheater könnte Rüdiger die Teilnahme am Viertelfinale kosten. „Ich bin gelassen, weil ich weiß, dass ich nichts Falsches gemacht habe“, betont er. „Die Leute sollen lieber über meine Kopfballstärke sprechen als über ein vermeintliches Attentat.“

Dfb schaltet sich ein – rüge statt sperre

Dfb schaltet sich ein – rüge statt sperre

Der Deutsche Fußball-Bund reagierte am Sonntag mit einer offiziellen Rüge, blieb aber bei der Verwarnung. Eine Sperre für Länderspiele droht nicht, weil die Aktion außerhalb des DFB-Bereichs stattfand. Sportdirektor Rudi Völler telefonierte mit Rüdiger und forderte „kontrollierte Aggressivität“. Für Nagelsmann ist der Fall damit vorerst erledigt – ein Verzicht auf Rüdigers Erfahrung in der WM-Defensive wäre angesichts des angespannten Personals ohnehin ein Luxus.

La Liga leitete kein Ermittlungsverfahren ein, die Statistik belegt: Rüdiger kassierte in dieser Saison erst zwei Gelbe Karten, kein Rot – Spitzenwert bei den Blancos. Trotzdem bleibt der Beigeschmack. „Ich bin kein Heiliger, aber auch kein Schläger“, sagt er. „Wenn mein Name fällt, scheint die Empörung größer zu sein als bei anderen. Das ist mein Kreuz, das trage ich.“

City-spiel als bühne für antwort

City-spiel als bühne für antwort

Mit Blick auf das Achtelfinal-Rückspiel schickt Ancelotti seine Mannschaft ins Etihad-Stadion, wo sie letzte Saison noch 0:4 unterging. Rüdiger wird wieder die Führung in der Viererkette übernehmen – und dabei wissen, dass jede Grätsche neuen Diskussionsstoff liefert. „Ich kann nicht zaubern, ich kann nur verteidigen. Wenn das nicht mehr erlaubt ist, sollen sie mich direkt ins Museum stellen“, scherzt er und verlässt den Saal mit erhobenem Haupt.

Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte: zwischen Getafes Drama und Madrids Gelassenheit, zwischen Zeitlupen-Bild und Live-Eindruck. Eines steht fest – wer Antonio Rüdiger für einen Raufbold hält, unterschätzt den strategischen Kopf hinter der harten Schale. Und wer ihn abschreibt, bekommt beim nächsten Kopfballgegentor die Quittung. Die Champions-League-Nacht gegen City wird zeigen, ob die Debatte endgültig verstummt oder neue Munition liefert. Sergio Ramos war auch nie ein Engel – und trotzdem fünfmal Europas Pokal gehoben.