Riccò schlägt zurück: der cobra trainiert wieder – und misst sich mit den profis

Riccardo Riccò steht wieder auf dem Rad. Nach lebenslanger Sperre jagt er Strava-Rekorde, berät Hobbyfahrer und behauptet: „Ich bin so schnell wie die Jungs im WorldTour-Peloton.“ Die Story eines Mannes, der vor zwölf Jahren fast an seiner eigenen Blutpumpe starb und heute in Vignola Eis verkauft – aber die Finger nicht vom Sport lässt.

Der tag, an dem das kobra-herz stillstand

Februar 2012, Krankenhaus in Modena. Ärzte schütteln den Kopf: 25-jähriger Radprofi, Selbstbluttransfusion, Bakterieninfekt, Nierenversagen. Zwei Tage später titelt La Gazzetta: „Riccò rischia la morte“. Die Nachricht donnert durch Italien, doch im Peloton wissen alle: Es war nur eine Frage der Zeit, bis der nächste aus der Schummel-Truppe auffliegt. Der Cobra hatte gebissen – und sich selbst vergiftet.

Die lebenslange Sperre folgt rasch. Nicht wegen EPO oder Cera, sondern wegen Handels mit Dopingmitteln, sagt der Richter. Riccò schreit „Unschuld“, zieht vor Zivilgericht, gewinnt – doch die Sportjustiz bleibt hart. Karriere vorbei. Sponsor weg. Villa pfändet. Depression. Therapie. Eisdiele.

Chocoloco statt champs-élysées

Chocoloco statt champs-élysées

Heute, zehn Jahre später, steht er hinter der Theke von Chocoloco, Sorte Nocciola in der rechten, iPhone in der linken Hand. Strava offen. 380 Watt Normalisiert auf der 10-Minuten-Rampe nach Castelvetro. „Schau dir Dumoulins Segment an“, sagt er und tippt. Grünes Kästchen: 12 Sekunden schneller. „Und das ohne Doping, nur mit 39 Jahren und zwei Kindern.“

Abends schließt er die Ladentür, schnallt sich die alte Wilier Zero.7 mit mechanischem Chorus drauf und jagt die Hügelkönige der Emilia. Acht Amateure zahlen ihm 150 Euro im Monat für Trainingspläne. „Ich geb ihnen das, was ich nie hatte: ehrliche Zahlen.“ Keine Micro-dosen, keine Blutbeutel, nur Schmerz und Trittfolge.

Die liste, die niemand mehr findet

Die liste, die niemand mehr findet

Riccò zückt ein zerknittertes Blatt. 43 Namen. „Das hier ist die Startliste vom Giro 2008, mein zweiter Platz hinter Contador. Von den 25 Besten sind 24 später positiv gewesen – Cunego und Bettini fehlen.“ Er lacht schrill. „Damals nannten sie mich Verräter. Heute nennen sie mich WhatsApp-Coach.“

Die Operation am eigenen Körper bereut er nicht, erzählt er zwischen zwei Kugeln Stracciatella. „Ich war 20, unsterblich, und die Methode war Standard. Moser hat’s beim Stundenrekord offen zugegeben. Wenn du dein eigenes Blut zurückpumpst, bist du clean auf dem Papier. Nur blöd, wenn man vergisst, das Bakterienfilter zu wechseln.“

Die uhr tickt trotzdem

Die uhr tickt trotzdem

2025 wäre die ursprüngliche Sperre abgelaufen – doch die lebenslange Strafe bleibt. Kein Gran Fondo-Sieg wird je offiziell sein, keine Lizenz, keine Tribüne. „Aber die App kennt keine Regeln“, sagt er und zeigt die Rangliste der Montevecchio-Kletterei. Zweiter Platz, hinter einem italienischen Continental-Pro, vor Caruso, vor Bettini. „Ich kann nicht starten, aber ich kann jagen. Und das ist alles, was zählt.“

Manchmal fährt er um 23 Uhr noch einmal hoch, allein, Stirnlampe, 7 °C, Nebel. Dann sprintet er die letzten 200 Meter zum Gipfelschild, schaltet das Handy auf Video und murmelt: „Für jeden, der sagt, man kann nicht zurückkommen.“ Der Cobra ist nicht tot – er rast nur leiser.