Reichel fliegt zum zweiten mal: jetzt will er bei sturm in boston durchstarten

Ein Olympionom, zwei Trades, drei Teams in einem halben Jahr – Lukas Reichels NHL-Karriere gleicht einer Achterbahn, die gerade erst den nächsten Steilhang nimmt. Nach 48 Stunden auf der Transferliste landet der 23-jährige Stürmer nun bei den Boston Bruins – und damit direkt auf der Bank von Marco Sturm, dem deutschen Trainer, der einst selbst als Jäger vor dem Tor stand.

Der zweite koffer in sechs monaten

Chicago, Vancouver, Boston – klingt wie eine Reiseroute durch die Original-Six-Städte, ist aber die Route eines Spielers, der noch kein dauerhaftes Zuhause gefunden hat. Die Blackhawks hatten Reichel im Oktober abgeschoben, weil seine Produktivität hinter den Erwartungen zurückblieb. 59 Punkte in 188 Spielen – das ist keine Bilanz, die General Managern schlaflose Nächte bereitet. In Vancouver erhielt er nur 13 Einsätze, dann flog er zurück in die AHL, die zweite Liga, die für ihn inzwischen zum zweiten Wohnzimmer wird.

Die Bruins haben wenig zu verlieren. Sie schweben zwar in den Playoffs, doch ihre Tiefe auf den Flügeln ist dünn geworden. Sturm, der als Assistent für die Angriffsreihen zuständig ist, kennt Reichel noch aus gemeinsamen Nationalmannschaftstagen. Er weiß, dass der Münchener mit dem schnellen ersten Schritt und dem unorthodoxen Stockhandling in der Lage ist, engen Raum zu verlassen – wenn er sich traut. Genau darin liegt der Haken. In Chicago spielte Reichel oft, als würde er sich selbst im Nacken haben. Zu sehr wollte er das perfekte Tape-to-Tape-Pass, zu selten schoss er einfach.

Die zahlen, die ihn verfolgen

Die zahlen, die ihn verfolgen

188 Spiele, 23 Tore, 36 Assists. Das ergibt 0,31 Punkte pro Spiel – ein Wert, der sich kaum von dem eines vierten Sturms unterscheidet. Die Advanced Stats sind noch weniger freundlich: Ein Corsi von 46 % bedeutet, dass seine Linien mehr Schiffe kassieren als sie abfeuern. Coach Jim Montgomery wird ihn nicht für seine Defensive lieben, sondern für seine Fähigkeit, Powerplay-Zeit in Produktion zu verwandeln. In Boston bekam er bereits Sondertraining: zwei Stunden Video, dann 45 Minuten Einzelarbeit mit Sturm an der blauen Linie. Das Ziel: schneller Schlagschuss statt Dauerpass.

Die Bruins schultern keine Kapitulation, sie kaufen eine Lotterie. Reichel kostet gegen die Salary Cap nur 925.000 Dollar, sein Vertrag läuft nächstes Jahr aus. Sollte er durchstarten, haben sie einen 24-jährigen Top-Nine-Forward für ein Spottpreis. Scheitert er, verlieren sie nichts außer Luft. Für Reichel ist es die letzte echte Chance, bevor er den Weg von Moritz Müller oder Markus Eisenschmid geht – gute Deutsche, die in der AHL blieben, weil sie nie den letzten Schritt wagten.

Die uhr tickt laut

Die uhr tickt laut

In 14 Tagen endet die Trade-Deadline. Bis dahin muss Reichel beweisen, dass er mehr ist als ein olympisches Abzeichen und ein erster Rundendraft. Boston spielt an diesem Wochenende ein Back-to-Back in Florida und Carolina – zwei Tempoteams, die ihn sofort in die Tiefe werfen werden. Sollte er dort nicht punkten, droht erneut die Healthy-Scratch-Liste oder gar ein Ticket nach Providence, wo die Bruins ihre AHL-Farm betreiben. Die Karriereuhr schlägt Mitternacht, und Reichel weiß es. In der Kabine hängt ein Zitat von Sturm: „Wenn du zögerst, bist du schon zu spät.“ Für ihn gilt das doppelt.

Am Ende bleibt eine simple Wahrheit: Talent reicht nicht, wenn es nicht ans Eis geklebt wird. Reichel hat 27 Spiele Zeit, um zu zeigen, dass er bereit ist, die Scheibe vor dem Tor zu verschmutzen. Sonst wird er zum dritten Mal in zwölf Monaten umziehen – und diesmal könnte der Koffer Richtung Europa gehen.