Rechtsverteidiger stirbt aus: guardiolas lahm-erbe wird zur flick-flack-position
Es gibt keine echte Position mehr für den besten Rechtsverteidiger der Welt – es gibt nur noch Notlösungen, improvisierte Außenbahnspieler und Mittelfeld-Karuselle. Seit Philipp Lahm 2017 aufhörte, jagt der europäische Spitzenfußball einem Phantom hinterher.
Lahms letzter schnitt: vom außen nach innen und zurück
Guardiola schwärmt heute noch: „Zehn Positionen, kein Problem.“ Er meint Lahm, den er 2013 ins Zentrum rückte und damit das DNA-Kit des modernen Rechtsverteidigers veränderte. Plötzlich war die Außenbahn kein Flügel mehr, sondern ein Schachfeld. Lahm konnte pressen, invertieren, kurz oder lang – und war trotzdem erst 1,70 m groß. Seitdem suchen alle Clubs einen zweiten Lahm. Sie finden nur Copycats.
Der Manchester City ist das lebende Labor. Kyle Walker weg, Rico Lewis wird Innenverteidiger, Matheus Nunes wird Außenstürmer. Kein Plan, nur Permutation. Liverpool? Trent Alexander-Arnold ist gerade erst beim Real Madrid angekommen, weil Carvajals Knie streikt. Dort spielte schon Valverde rechts, dann Asensio, jetzt wird David Jiménez durch Xavi Espart (17) gedrängt – ein Junge, den Trainer Flick „Lahm 2.0“ nennt, weil er auch Sechser spielen kann.

Spanien bastelt sich sein eigenes wunder
Atlético setzt auf Marcos Llorente, ehemals Zehner, jetzt Außenbahn-Europameister. Barça rotiert zwischen Koundé, Eric García und Araujo. Keiner von ihnen sagt: „Ich bin Rechtsverteidiger.“ Sie sagen: „Ich spiele heute rechts.“ Der Unterschied klingt nach Haareschneiden, ist aber millionenschwer – Transfers für Spezialisten lohnen sich nicht mehr, wenn der Spezialist nur dreimal pro Saison ran darf.
Bayern München sucht seit Lahms Abschied vergeblich. Konrad Laimer kam als Sechser, spielt jetzt rechts. Josip Stanišić war mal Innenverteidiger, jetzt auch rechts. An der Säbener Straße wird Givairo Read von Feyenoord gehandelt – 21 Jahre, Niederländer, aber schon wieder kein klassischer Verteidiger. Die Scout-Listen sind voll von Namen wie Palestra, Acheampong, Martim Fernandes – alles Hybriden, keine Klischees.

Marktlogik: warum 50 millionen für drei spiele kein geschäft sind
Luis Enrique sagt es offen: „Wir wollen keinen Ersatzmann für drei Partien kaufen.“ Der PSG-Trainer ließ stattdessen Zaïre-Emery, Joao Neves und sogar Zabarnyi auf der rechten Seite wirbeln – alles Mittelfeldspieler. Das Spottgeld für einen Spezialisten steckt er lieber in einen 17-jährigen David Boly, der noch unbeschriftet ist. Arsenal setzt auf Jurrien Timber – in Ajax noch Central, jetzt rechts, links, Zehner. Mikel Arteta schwärmt: „Er ist ein Phänomen in jeder Zone.“
Die Zahlen sprechen für sich: In den Champions-League-Viertelfinalisten standen in dieser Saison nur noch zwei klassische Rechtsverteidiger in den Startformationen – Hakimi (PSG) und Hakimi allein. Der Rest ist ein Puzzle aus invertierten Innenverteidigern, aufgerückten Achtern und jugendlichen Lahm-Erben, die noch nicht mal wissen, wo sie morgen stehen.
Die Positionsbezeichnung „Rechtsverteidiger“ stirbt nicht laut, sondern leise – ersetzt durch ein Schweizer Taschenmesser mit Laufschuhen. Es ist keine Krise, es ist eine Evolution. Und die einzige Konstante heißt Philipp Lahm – der Mann, der vor zwölf Jahren anfing, das Spielfeld neu zu malen. Sein Vermächtnis ist kein Nachfolger, sondern ein Gedankenmodell: Wer die Außenbahn versteht, muss sie nicht mehr bewachen. Er muss sie nur noch beherrschen.
