Raiplay droppt jetzt alle folgen: so hart schlägt ‚le libere donne‘ gegen gewalt

RaiPlay zieht die Notbremse: Statt wöchentlich zu warten, kann man ab heute alle sechs Episoden von Le libere donne im Binge-Modus verschlingen. Die Serie über den Psychiater Mario Tobino, der 1944 in einem Frauenkrankenhaus gegen unmenschliche Praktiken kämpft, ist damit zur Sensation avanciert – und das, bevor überhaupt die zweite TV-Ausstrahlung läuft.

Der ehemalige amore-held lino guanciale spielt keinen charmeur, sondern einen störenfried

Guanciale, jahrelang als Vermieter romantischer Träume gebucht, schlüpft in die weiße Jacke des Arztes, der Elektroschocks verweigert und stattdessen Gespräche riskiert. Seine Patientin Margherita Lenzi landete im Irrenhaus, weil sie vor ihrem prügelnden Mann floh – ein Szenario, das damals als „unzurechnungsfähig“ galt. Die Serie adaptiert Mario Tobinos gleichnamigen Roman und erzählt, wie ein einzelner Arzt gegen ein ganzes System von Schweigen und Scham ins Feld zieht.

Die kamera folgt dem gestank von chlor und angst

Die kamera folgt dem gestank von chlor und angst

Michele Soavi, früher Dario Argento’s Kameramann, lässt die Objektive durch die Gänge irren, als wären sie selbst eingesperrt. Die enge 4:3-Bildfüllung unterstrekt, dass niemand entkommt – weder die Frauen noch das Publikum. Besonders hart: Die Nazipanzer, die gegen Ende in die Anstalt rollen, verwandeln das Krankenhaus in eine Falle. Die Staffetta Partigiana Paola, gespielt von Gaia Messerklinger, schleppt nicht nur Waffen, sondern auch alte Liebschaften herein.

Produziert wurde die Miniserie von Rai Fiction und Endemol Shine Italy, gedreht in Lucca und Viareggio. Das Budget blieb geheim, aber wer die Staffel kennt, weiß: Das meiste Geld steckt in Details – originaler Linoleumboden, eiserne Bettgestelle, echte Kochtöpfe aus Blech. Kein Rekvisiten-Schummeln, sondern Zeitreise.

Warum das jetzt wichtig ist

Warum das jetzt wichtig ist

Italien debattiert über häusliche Gewalt, und die Quote steigt. Genau jetzt kommt eine Serie, die zeigt, dass die Inhaftierung von Frauen in „Irrenanstalten“ keine historische Episode war, sondern ein Werkzeug zur Disziplinierung. Wer heute auf „Play“ klickt, sieht, wie leicht das Label „verrückt“ verteilt wird – und wie schwer es fällt, es wieder abzulegen.

Die sechs Folgen sind auf Abruf, die lineare Ausstrahlung läuft parallel dienstags nach der Quiz-Show Affari Tuoi. Doch warum warten, wenn die komplette Story schon jetzt flimmert? Die Zuschauerzahlen von RaiPlay schnellten nach dem Drop um 42 % nach oben. Ein Indiz: Das Publikum will Geschichte lieber sofort als wöchentlich.

Ein Tipp von Stefan Fischer: Wer nach der letzten Szene noch Luft holen will, sollte Tobinos Originalbuch zur Hand nehmen. Die 300 Seiten lesen sich wie ein verlängerter Protestbrief – und sie erklären, warum der Autor selbst jahrelang psychiatrische Kliniken leitete, ohne jemals den Glauben an Veränderung aufzugeben. Sport verbindet, ja. Aber manchmal muss man auch einfach nur zusehen, wie jemand anderes kämpft, um sich selbst zu bewegen.