Pinturault wirft das handtuch: 34 siege, ein letzter bogen und ein schweizer, der weint

Courchevel fror, die Ski-Welt stand still. Alexis Pinturault fuhr nach dem zweiten Lauf nicht einfach in die Zielmulde, er fuhr direkt in die Geschichte hinaus. 34 Weltcup-Siege, drei Mal Gold, ein Gesamtweltcup 2021 – und dann dies: Der beste Franzose auf Brettern hört auf, 33 Jahre jung, gesund, immer noch schnell genug für die Top-15. Warum? Weil er neuen Wind spüren will, statt Altschnee.

Odermatt postet ein foto vom kinderzimmer

Marco Odermatt zog vor dem Final-Riesenslalom sein Handy raus, nicht zum Selfie, sondern zum Geständnis. „Ich hatte dein Poster überm Bett“, schrieb der Schweizer Superstar, „dann wurdest du mein Maßstab, später mein Freund.“ Ein Satz, der die Rivalität auf 180 Zeilen schrumpfen lässt. Zwischen 2019 und 2021 lieferte sich das Duo Duelle, die selbst Österreicher nervös machten. Pinturault gewann acht Mal hintereinander, Odermatt antwortete mit fünf Siegen in Serie. Nun endet die Serie auf Instagram – mit Tränen-Emojis statt Pokal.

Die Zahlen sind schon länger geleakt, das Gefühl nicht. Pinturaults letzte Saison klang wie ein Piano, das nur noch die tiefen Tasten trifft: drei Mal in die Punkte, kein Podest, dafür jedes Mal Quali für den zweiten Durchgang. Für Außenstehende ein Abstieg, für Insider ein Abschied auf Rädern statt auf Krücken. „Ich wollte nicht warten, bis der Körper mich rauswirft“, sagte er am Rande der Piste, „ich gehe, solange ich noch schnell genug bin, um die Strecke ohne Abschiedstränen zu verlassen.“

Der tag, an dem frankreich seinen rekordspieler verliert

Der tag, an dem frankreich seinen rekordspieler verliert

Die Franzosen haben einen Problemfall: Wer übernimmt die Führung? Cyprien Sarrazin? Trop jung. Mathieu Faivre? Trop unbeständig. Pinturault war mehr als ein Siegesmagnet, er war ein Anker. Ohne ihn droht das Korsett aus Training, Sponsoring und Nationalelf zu locker zu werden. Teamchef Johan Clarey spricht von einem „Vakuum in der Startnummer 1“, das erst 2026 wieder geschlossen werden könnte.

Die Stimmen aus dem Dunstkreis Courchevel klingen wie ein Klagelied, aber Pinturault selbst lacht. Er hat schon Pläne: eine Alpine-Schule in Annecy, ein Filmprojekt über Klimawandel und Skisport, eine Familie, die bisher nur die zweite Wahl war. „Ich will morgens aufwachen und nicht schon wissen, wie hart der Schnee ist“, sagt er und klingt dabei wie ein Mann, der endlich frei Schnauze redet.

Am Samstagabend zog der Schatten seiner Bogenfahrt noch einmal über die Piste, dann wurde die Flutlichtanlage ausgeschaltet. 34 Siege, acht WM-Medaillen, ein Gesamtweltcup – und eine Lücke, die länger ist als jede Abfahrt. Frankreich verliert seinen König, Odermatt verliert seinen Spiegel, und wir verlieren das letzte Beispiel dafür, dass Genugtuung nicht mit Gold, sondern mit Timing kommt. Pinturault geht – und lässt die Uhr für alle anderen stehen.