Oyarzabal löst spaniens tor-problem – und ist gar kein stürmer
Mikel Oyarzabal jagt das Leder, als wäre es ein Fluchtobjekt. 18 Meter, halblinks, keine Anlaufzeit – nur ein Schlenzer, der im Winkel versinkt. 3:0 gegen Serbien, 24. Treffer im 52. Länderspiel, und die spanische Presse jubelt schon wieder: „Endlich ein Killer!“ Dabei ist der Mann aus San Sebastián alles, nur kein klassischer Mittelstürmer.
Die quote, die alle sprachlos macht
Seit 2025 hat Oyarzabal in elf Nations-League-Partien elfmal getroffen und sechsmal aufgelegt. Nur Haaland steht mit 19 Scorer-Punkten noch vor ihm – und der Norweger ist ein ausgewachster Neuner, gebaut für die Box. Oyarzabal dagegen kam als hängende Spitze, schwappte später auf den Flügel, und jetzt? Jetzt steht er allein vor dem Tor, weil niemand sonst die Lücke füllt.
Luis de la Fuente kennt ihn seit U-18-Zeiten. „Er war schon damals Spielmacher, heute ist er Weltklasse“, sagt der Nationaltrainer und lacht über die Debatte, Spanien habe keinen echten Strafraum-Hungrigen. „Wenn jemand behauptet, wir hätten keinen Killer, soll er einfach die Zahlen checken.“

Vom dribbler zur sicheren bank
Real Sociedad hat ihn nie ziehen lassen, trotz Anfragen aus Madrid und Manchester. Das macht ihn in der Kabine glaubwürdig. Er schuldet keinem Klub etwas, nur seiner Heimat. Deshalb redet er so leise über seine Serie. „Ich bin froh, helfen zu dürfen. Wenn’s Tore braucht, okay. Wenn’s Laufarbeit ist, auch okay.“
Die Fans interessiert das nicht. Sie sehen einen Spieler, der im EM-Finale 2024 den Siegtreffer schoss, der in der Nations League Doppelschläge landet, der in Villarreal mit links und rechts trifft, als hätte er zwei gute Füße und keinen schlechten Tag. Die Statistik nagelt ihn auf Platz neun der ewigen spanischen Torjägerliste – zwei Treffer hinter Butragueño, 24 hinter Raúl.
Der Unterschied: Raúl war Stürmer aus Lehrbuch, Oyarzabal ist ein Systemspieler, der das System überlistet. Er startet zwischen den Linien, zieht in die Tiefe, schießt aus der zweiten Welle. Kein Wunder, dass de la Fuente schon von einer möglichen Trainerkarriere träumt. „Er versteht Fußball wie ein Coach auf der Bank.“

Die ironie hinter den zahlen
Spanien jahrzehntelang auf der Suche nach dem neuen Centrodelantero – und findet ihn in einem Flügelspieler, der nie das Baskenland verließ. Die Lösung war keine teure Transfer-Bombe, sondern ein heimlicher Aufsteiger, dem man einfach beibrachte, wann er abziehen muss. Die Antwort lautet: am besten zweimal pro Halbzeit.
Die WM rückt näher, Brasilien, Argentinien und Frankreich buhlen um den Favoritenstatus. Spanien reist mit einem Mittelstürmer, der keiner ist – und trotzdem jedes Mal trifft, wenn die Scheinwerfer hell werden. Oyarzabal selbst will davon nichts wissen. Aber die Tore sprechen lauter als jede Phrase. 24-mal haben sie es bereits getan.
