Oksana masters schreibt geschichte neu: gold nummer 20 ist pure emotion

20 Medaillen, acht Spiele, zwei Planeten. Oksana Masters läuft in Cortina zur Schießlinie an und die Welt hält den Atem an. 36 Minuten später steht sie wieder oben – mit Gold im Biathlon-Sprint, mit Tränen im Gesicht, mit einer Ukraine-Fahne im Gepäck, die sie nie ablegt.

Die Zahl 20 ist nur eine Zahl. Was dahinter steckt, ist ein Krieg gegen die Statistik. Geboren mit strahlengeschädigten Gliedmaßen, verlassen im ukrainischen Waisenhaus Nr. 4, adoptiert von einer Amerikanerin, die damals noch kein Wort Ukrainisch konnte. Beine weg, Heimat weg, Zukunft offen. Masters baute sich aus nichts ein Universum.

Vom sauerstoffmangel zum startimpuls

Als Kind konnte sie keine fünf Meter laufen, ohne dass die Lunge brannte. Heute sprintet sie 6 km mit einem Herzschlag, der zwischen 170 und 185 schwankt – gemessen im Schneegestöber, während ihre Arme den Riemen der Sit-Ski halten und die Lungen trotzdem kühlen. Der Trick: Sie atmet in zwei Stößen ein, einen für das Herz, einen für den Kopf. „Erst rechnet der Körper, dann rechnet die Seele“, sagt sie.

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl liegt 38 Jahre zurück, aber in ihren Zellen tickt immer noch das Echo. Ärzte prophezeiten Lungenschwäche bis 30. Masters feiert 37 und gewinnt in Mailand ihre vierte Goldmedaille im Biathlon. Die Diagnose war halb richtig: Ihre Lunge ist kleiner – nur hat sie gelernt, mit weniger mehr zu machen.

Das schießen als zweiter geburtstag

Das schießen als zweiter geburtstag

Im Stehenanschlag zählt nicht das Bein, sondern der Pulsschlag zwischen den Ohren. Masters reduziert ihn auf 54, bevor sie abdrückt. Fünf Schüsse, fünf Treffer, keine Gnade. Ihre Gegnerinnen kommen aus Norwegen, Frankreich, Deutschland – Länder, die Sitzski-Konzerne finanzieren. Sie kommt aus Kentucky, wo es keine Schneekanone gibt, aber eine Mutter, die mit dem Pick-Up Schneepisten pflastert, wenn der Winter mal wieder zu warm ist.

Die 20. Medaille ist auch eine Revanche an das Rudern. Wegen eines Bandscheibenvorfalls musste sie 2016 aufgeben, kurz nach Gold in Rio. Viele sprachen vom Ende. Masters tauschte das Wasser gegen Schnee, das Ruder gegen Stöcke, den Flachstart gegen den Berg. Drei Monate später stand sie schon wieder auf dem Podest – diesmal mit Gold in Pyeongchang.

Die ukraine trägt sie unter dem anzug

Die ukraine trägt sie unter dem anzug

Nach jedem Sieg küsst sie ein blau-gelbes Armband. Sie hat es 2015 in Kiew geschenkt bekommen, in einem Heim, das dem ihren glich. Die Kinder wussten nicht, wer sie ist, nur dass sie Beine aus Karbon hat und lacht wie ein Startgewehr. Sie sagte: „Ich bin eure Zukunft.“ Damals hatte sie 26 Medaillen im Kopf, heute sind es 20 real. Die Rechnung geht nicht auf – und das ist gut so.

Am Freitag startet sie erneut. Die Gegnerinnen schauen auf die Uhr, sie schaut auf das Ziel. Dann fliegt die Scheibe hoch, der Schnee wirbelt, die Welt ist einen Herzschlag lang still. Wenn sie gewinnt, wird sie nicht sagen, dass sie es allen gezeigt hat. Sie wird sagen: „Ich habe es mir selbst gezeigt.“ Das ist der einzige Grund, warum sie noch läuft – oder besser: rollt.

20 Medaillen, acht Spiele, ein Leben. Und kein Ende in Sicht.