Odermatt krönt sich zum könig der abfahrt – und schreibt geschichte in courchevel

Die Piste, auf der er 2023 Weltmeister wurde, schenkte ihm heute die Krone: Marco Odermatt holt in Courchevel die kleine Kristallkugel in der Abfahrt – zum dritten Mal in Serie. Kein Schweizer, kein Österreicher, kein Italiener war je so konstant schnell wie der Nidwaldner. Mit diesem Hattrick rückt er in die Galerie der Abfahrtslegenden ein.

Die zahlen, die alles sagen

3 Kristallkugeln in 3 Jahren. 5 Saisonsiege in dieser Winterserie. 1 Punkt fehlte Franjo von Allmen, um die Entscheidung wenigstens bis zum Finale in Kvitfjell aufzuschieben. Doch der Bündner rutschte in der Rechtskurve vor dem Zielhang zu weit nach außen, touchierte eine Fahne und war draußen. Odermatt musste nicht mehr fahren – er fuhr trotzdem. Mit Startnummer 16 legte er eine Attacke hin, die selbst seinen Trainer aufatmen ließ: 0,31 Sekunden schneller als der Italiener Dominik Paris, 0,48 vor dem Norweger Aleksander Aamodt Kilde. Der Sieg war Nebensache, aber er passt ins Bild.

Die Entscheidung fiel 12 Starter vor ihm. In der Skiwelt bedeutet das: Die Konkurrenz schaute auf ein leeres Ziel, während Odermatt noch im Starthaus saß. „Ich habe nur gehört, dass es kracht“, sagte er später. „Dann wusste ich, die Kugel ist sicher.“

Wie er die alphawelt beherrscht

Wie er die alphawelt beherrscht

Die Abfahrt war lange sein Problemkind. Zu technisch, zu rundenlastig, zu wenig Kampfgeist, lauteten die Vorwürfe. Heute liest man diese Sätze nur noch in alten Zeitungsarchiven. Odermatt hat sich die Steilheit und das Risiko erarbeitet wie ein Student die Lateinvokabeln: mit Fleiß und mit Wut. Sein Materialtechniker Sepp Kollmann montierte in dieser Saison 18 verschiedene Ski-Paare, bis die Dämpfung saß. Die Kanten sind 0,5 Grad schärfer geschliffen als bei der Konkurrenz, das Flex-Muster im Tail angepasst. Details, die in 80 Sekunden über 3,2 Kilometer den Unterschied ausmachen.

Und dann ist da noch die Kopfarbeit. Odermatts Mentalcoach Peter Rödl practisiert mit ihm seit zwei Jahren das „Visualisieren des Unplanbaren“: Wie reagiere ich, wenn sich die Schneelage in Kurve 7 verändert? Was tun, wenn der Wind dreht? Diese Mikroszenarien hat der 27-Jährige in Fleisch und Blut übergehen lassen. Er wirkt nicht mehr wie der Gesamtweltcup-Fahrer, der nebenbei mal eben die Abfahrt mitnimmt, sondern wie ein Spezialist, der die Geschwindigkeit atmet.

Die Konkurrenz schaut jetzt auf einen Mann, der 595 Punkte vorweist – 155 mehr als Kilde, 244 mehr als Paris. In der Gesamtwertung führt er mit 1.526 Punkten. Dahinter folgt ein Abgrund. Odermatt nennt das „eine Art Flow, den ich nicht erklären kann“. Die Statistik nennt es einfach Dominanz.

Bei der Siegerehrung hob er die Kugel mit beiden Händen. Ein kleiner Schritt nach vorn, ein Kuss für das Glas. Dann drehte er sich zu Franjo von Allmen um, legte dem Landsmann den Arm um die Schulter. Schweizer Verbund versus Einzelkämpfer – auch das Bild passt. Die Saison endet in vier Wochen, doch die Geschichte, die Odermatt schreibt, ist längst auf nächstes Kapitel umgeblättert.