Nordirland schickt lange bälle, italien antwortet mit bonuccis hirn
Michael O’Neill hat keine Lust auf Schönwetterfußball. Sein Plan für das Play-off in Mailand: lange Bälle, zweite Bälle, Standards. Dazwischen: Sprint, Pressing, Gedränge. „Wir haben mehr zu gewinnen als zu verlieren“, sagt er, und man hört das Knirschen seiner Zähne.
Die Zahlen sprechen für ihn. Drei Siege in zehn Quali-Spielen, Platz 69 der FIFA-Weltrangliste, seit 1986 kein WM-Turnier mehr. Doch die Elf aus der Championship-Truppe ist gewachsen – 1,85 m Durchschnittsgröße, elf Kopfballtore in der Gruppenphase. Wenn der Ball segelt, fliegt auch Nordirland.

Gattuso setzt auf bonuccis playmaker-gehirn
Rino Gattuso schaut sich die Videos an und grinst nicht. Er kennt diese Taktik aus seiner Spielzeit, als er noch mit offenem Visier in jeden Zweikampf fuhr. Jetzt lässt er Leonardo Bonucci auf der Bank koordinieren. Der 39-Jährige studiert die Flugkurven, gibt Handzeichen, justiert die Mauer. Ein Schachspieler im Trainingsanzug.
Seit Bonuccis Rücktritt aus der Nazionale fehlt italienischen Standards die Präzision. Gegen Nordirland wird er zur Not auch selbst auflaufen, wenn Bastoni und Scamacca ihre Muskelprobleme nicht auskurieren. Die Azzurri haben in den letzten fünf Spielen nur einmal per Freistoß getroffen – zu wenig gegen eine Luftwaffe in Grün.
Der Fehlschuss von Conor Bradley sitzt tief. Der Liverpool-Rechtsverteidiger fehlt mit Kreuzbandriss, doch seine Ersatzleute Trai Hume und Brooke Norton-Cuffy laufen 11 km pro Partie. O’Neill wechselt im 75. Minute nicht, er tauscht nur die Laufrichtung. Die Gegner sollen sich umdrehen, bis sie den Hals verrenken.
In Mailand wird die Kurve schon singen, bevor die Hymnen ertönen. Die Nordiren tragen ihr „Cloud-White“-Trikot mit Minzgrün, ein Reminiszenz an Spain ’82, als Armstrong und Whiteside die Herzen klopften ließen. Doch diesmal steht nicht ein Achtelfinale auf dem Spiel, sondern ein Ticket nach USA/Kanada/Mexiko 2027. Die italische Generazione Z will nicht länger zusehen, wie andere tanzen.
Um 20:45 Uhr wird Donnarumma den ersten langen Ball aus der zweiten Reihe empfangen. Dann entscheidet sich, ob Bonuccis Hirn oder O’Neill’s Beine die Nacht beherrschen. Die Wette der Buchmacher: 1,25 auf Italien, 11,00 auf Nordirland. Die Wette der Geschichte: 40 Jahre Wartezeit gegen 18 Monate Neustart. Wer zuerst blutet, verliert.
