Niko gießelmann kehrt nach 19 jahren profifußball in den sechstligisten tsv godshorn zurück

Der TSV Godshorn hat zum 100-jährigen Vereinsjubiläum das größte Transfer-Coup seiner Geschichte gelandet. Niko Gießelmann, 34 Jahre, 122 Bundesliga-Einsätze, Europapokal-Erfahrung und einstige A-Nationalspieler-Hoffnung, wird künftig wieder auf dem Kunstrasenplatz am Godshorner Sportzentrum kickern. Dort, wo er als Sechsjähriger das erste Mal ein Leder traf.

Der junge vom dorf kehrt als mann zurück

2005 verschwand Gießelmann in die Ferne. Hannover 96 II, Fürth, Düsseldorf, Berlin – Stationen, an denen sich Profi-Träume manifestieren oder zerschlagen. Bei ihm hielten sie. 316 Spiele in den obersten deutschen Ligen, 18 Tore, unzählige Flanken. Doch die Karriere endete nicht mit einem letzten Applaus im Stadion, sondern mit einem Satz, den man selten hört: „Ich habe alle Angebote abgelehnt.“

Weil sie zu weit weg waren. Weil sie nicht Godshorn hießen. Weil der Linksverteidiger merkte, dass die 120 Kilometer zwischen Berlin und Hannover nicht nur Strecke, sondern Distanz bedeuten. „Ich wollte nach Hause. Punkt. Und wenn ich schon wieder amateurfußballen sollte, dann nur hier“, sagt er und klingt dabei nicht romantisch, sondern entschlossen.

Die nummer 23 und ein verein, der plötzlich größer wirkt

Die nummer 23 und ein verein, der plötzlich größer wirkt

Seine Rückennummer hat er behalten. Die 23, unter der er in der Bundesliga gegen Bayern spielte, wird nun in der Landesliga Hannover auflaufen. Der Unterschied: Statt 50.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion sind es jetzt 150 Zuschauer, dafür aber der Schlagersänger vom Dorffest, der neben der Linie steht und „Niko, du alter Hund!“ ruft.

Lucas Düwerth, Spartenleiter beim TSV, versucht, cool zu bleiben. Misslingt. „Stolz wie Bolle“ steht auf seiner Brust, buchstäblich. Das Foto, das der Verein veröffentlichte, zeigt ihn neben Gießelmann – wie zwei alte Kumpels, die eben noch im Vereinsheim Kaffee getrunken haben. Dabei ist klar: Mit diesem Transfer rückt Godshorn für einen Moment aus der Anonymität der sechthöchsten Spielklasse.

Die Gegner werden sich umschauen. Nicht nur, weil plötzlich ein Ex-Bundesligaspieler in der Zweikampfsituation steht, sondern weil Godshorn nun ein Angriffsmodell hat, das sich über die Außenbahnen zieht. Gießelmanns erste Trainingseinheit war bereits ein Lehrstück: Positionsspiel, Timing, Tempo – der Ball flog so präzise, dass selbst die eigenen Spieler kurz vergaßen, dass sie sonst eher gegen Barsinghausen oder Eldagsen ranmüssen.

Die rückrunde beginnt – und mit ihr eine neue heimat

Die rückrunde beginnt – und mit ihr eine neue heimat

Am 24. Februar startet die Rückserie. Gießelmann wird spielen. Er wird flanken. Und er wird verlieren, weil der TSV Godshorn Tabellenelfter ist und nicht plötzlich aufsteht. Aber das ist auch egal. Denn das Projekt „Heimkehr“ ist kein PR-Gag, sondern ein Lebensentwurf. „Ich will meine Kinder auf dem Sportplatz sehen. Ich will nach dem Spiel noch ein Bier trinken, ohne dass mich jemand nach der Bundesliga-Bilanz fragt“, sagt er.

Die 100-Jahr-Feier wird Mitte Juni gefeiert. Dann steht Gießelmann nicht im Mittelkreis, sondern am Grill. Aber bis dahin sind noch neun Spiele. Neun Chancen, sich in die Chronik des Vereins einzuschreiben – nicht als Star, sondern als Godshorner. Die Liga wird sich umschauen. Und vielleicht schaut dann auch der eine oder andere Scout vorbei, der sich fragt, warum ein Ex-Profi freiwillig in der Bezirksliga spielt. Die Antwort lautet: Weil er kann. Und weil er hier angefangen hat.

Godshorn ist nicht mehr nur ein Ort. Es ist ein Statement. Ein Statement dafür, dass Fußball nicht nur Geschäft ist, sondern auch Heimat. Und dass manchmal der größte Transfer der ist, der nach Hause führt.