Napoli bekommt seine motorhaube zurück: de bruyne und anguissa rasen wieder
Castel Volturno jubelt. Vier Monate lang lief der Napoli-Motor nur auf zwei Zylindern, nun schnüffelt das komplette Mittelfeld wieder am Rasen. Kevin De Bruyne und Frank Anguissa absolvierten gestern ihre erste Vollbelastung – und das Timing ist kein Zufall: Am Freitag gastiert der FC Turin im Diego-Maradona-Stadion, Conte braucht jeden PS.
Ein biss, der wehtut
Die Bilder wirken wie ein Schnappschuss aus besseren Tagen. De Bruyne donnert diagonal über das Trainingsfeld, Anguissa jagt ihn mit dem Sprintziel vor der Brust. Drei Minuten, dann fliegt der Belgier die Ecke, der Kameruner lenkt das Leder ins Netz – Lachsalven auf dem Platz, Erleichterung in der Tribüne. „Sie haben mir das Gefühl genommen, ein Fußballer zu sein“, sagt Anguissa rückblickend über die 120 Tage Reha, „heute gab’s das erste Stück Identität zurück.“
Conte hatte das Quartett im Oktober auseinanderreißen sehen: De Bruyne zog sich einen Bänderriss im Sprunggelenk zu, Anguissa erlitt einen Muskelbündelriss, dazu fiel Billy Gilmour an der Schulter aus. Nur Piotr Zielinski blieb übrig – ein Solist ohne Chor. Das Resultat: Sieben Punkte aus fünf Spielen, Tabellenplatz sieben, die Meisterschaft schien abzurutschen.
Die Statistik dahinter ist brutal: Ohne dieses Mittelfeld-Ensemble kassierte Napoli 1,8 Tore pro Partie, mit allen drei Akteuren nur 0,7. Die Balleroberungen im gegnerischen Drittel brachen um 34 % ein, die Passquote in die Spitze um 11 %. Conte sprach von „technischem Koma“, Sportdirektor Mauro Meluso pflichtete bei: „Wir haben den Taktgeber verloren.“
Jetzt kehrt der Puls zurück. De Bruyne absolvierte 26 Sprintserien à 30 Meter, HR-Max 189, keine Reaktion des Sprunggelenks. Anguissa schaffte 22, seine Waden messen wieder 39 cm Umfang – vor der Verletzung waren es 40. Die medizinische Abteilung um Chefphysiotherapeut Alfonso Casano gab grünes Licht, auch wenn die Belastungssteuerung weiter auf Maximum achten muss. „Wir reden nicht von 90 Minuten, aber von 30 hochintensiven“, sagt Casano, „und das kann ein Spiel drehen.“

Turin spürt den druck
Für den Gegner kommt die Nachricht zur Unzeit. Ivan Juric plante mit einem Mittelfeld-Duo Linetty-Ricci, das auf Sicherheit bedacht ist. Jetzt droht ihm ein Konterfeuer, das in Serie A seinesgleichen sucht: De Bruynes vertikale Pässe treffen Anguissas Tiefe Laufwege, davor lauert Osimhen, seitlich Chiesa. Die erwartete 3-4-2-1-Formation des Toro mutiert zur Falle, weil die Außenverteidiger ständig nach innen helfen müssen – Raum für Di Lorenzo auf rechts.
Conte wird nicht gleich von Anfang an riskieren. Die Wahrscheinlichkeit steigt aber, dass beide zwischen der 60. und 70. Minute eintreten – genau dann, wenn Turins Mittelfeld durch Wechsel und Gelb-Risiken erste Risse bekommt. Die Buchmacher reagierten sofort: Die Quote auf einen Napoli-Sieg fiel von 2,20 auf 1,85, die Tore-Over 2,5 von 1,95 auf 1,60. Die Botschaft ist klar: Die Märkte glauben an den Comeback-Schub.
Ein Sieg würde Napoli auf Platz zwei katapultieren, zwei Punkte hinter Inter, ein Spiel weniger. Die Meister-Playoffs rücken in Reichweite. Und noch eine Zahl zeigt, warum das Timing perfekt ist: In den letzten fünf Jahren gewann Napoli 73 % der Heimspiele, wenn De Bruyne und Anguissa gemeinsam auf dem Platz standen – ohne sie nur 47 %. Die Motorhaube ist zurück, der Taktgeber tickt wieder. Der Rest der Liga sollte sich warm anziehen.
