Nagelsmann schreitet vor: ‚endlich normal sein‘ – fußball steht vor der homo-hürde

Julian Nagelsmann hat genug vom Getuschel. „Ich finde es sehr schade, dass wir darüber immer noch diskutieren müssen“, sagte der Bundestrainer am Sonntag im RTL/ntv-Frühjahrsgespräch – und schickte damit eine Kampfansage an jene Kreise, die Homosexualität im Profifußball bis heute zum Tabu erheben.

Der Anlass: das Coming-out von Christian Dobrick, U19-Coach des FC St. Pauli. Der 34-Jährige outete sich öffentlich als schwul – und Nagelsmann applaudiert laut. „Ich finde es sehr gut, dass er diesen Schritt gegangen ist“, betonte der 38-Jährige und legte nach: „Es ist etwas Normales. In der Gesellschaft ist Homosexualität verankert, im Fußball dauert es noch.“

„Welche qual es bedeutet, nicht ausleben zu dürfen“

Nagelsmann spricht aus Erfahrung. Mehrere enge Freunde seiner Clique sind schwul, er kennt die Verschwiegenheitsverträge, die Betroffene mit sich selbst abschließen. „Durch die Gespräche im Freundeskreis weiß ich, wie befreiend es ist, wenn man es ausgesprochen hat“, sagt er. Die Botschaft: Wer sich versteckt, verletzt sich selbst.

Diese Einschätzung ist im DFB-Hauptquartier längst angekommen. Kurz nach Dobricks Interview lud Oliver Bierhoff die Diversity-Beauftragte des Verbands zu einer Krisensitzung. Thema: Wie schafft man ein Klima, in dem Spieler nicht mehr das Gefühl haben, ihre Karriere beenden zu müssen, wenn sie ihre Identität leben?

Statistik lügt nicht: nur zwei offen schwule profis seit 1963

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Die Zahlen sind ernüchternd. Seit Gründung der Bundesliga wagten nur Thomas Hitzlsperger (2014) und Joshua Cavallo (2021) das Bekenntnis – während inzwischen 56.000 Männer in den deutschen Ligen registriert sind. Die Quote liegt bei 0,004 Prozent. Statistiker sprechen von einem „Offenbarungsdefizit“, nicht von mangelnder Präsenz.

Der Druck wächst. Sponsoren wie Adidas und Flyeralarm verlangen Inklusions-Klauseln, Medienpartner kürzen Sendezeit, wenn Klubs Diversity-Konzepte ablehnen. „Die Tage der Ausreden sind gezählt“, sagt Nagelsmann. „Wir fordern Profis auf, Vorbild zu sein – warum also nicht beim Thema Sexualität?“

Hoeneß’ nebenbemerkung und der emotionale dobrick

Hoeneß’ nebenbemerkung und der emotionale dobrick

Auch Bayern-Mäzen Uli Hoeneß meldete sich. „Ich würde einen schwulen Weltklasse-Spieler sofort verpflichten“, sagte er der SZ. Doch der Satz endete mit dem Zusatz: „Solange er fußballerisch liefert.“ Der Zusatz zeigt: Für manche Funktionäre bleibt Homosexualität ein Risiko, kein Menschenrecht.

Christian Dobrick selbst reagierte emotionsgeladen. Auf Instagram postete er ein Foto mit seinem Partner, dazu das Wort „Dankbar“. In der Jugendabteilung von St. Pauli berichtet man von „etlichen Anfragen schwuler Nachwuchskicker“, die jetzt probieren wollen. „Wir brauchen keine Rettungsaktionen“, sagt Dobrick, „nur normale Gespräche.“

Nagelsmann will diese Normalität beschleunigen. „Ich hoffe, dass viele andere den Mut aufbringen, und wir irgendwann nicht mehr darüber diskutieren müssen.“ Die Uhr tickt: In 73 Tagen beginnt die WM. Wird er erstmals einen Nationalspieler mit rainbow-farbenen Schuhen nominieren? „Wenn er spielerisch passt, warum nicht?“

Die Fußballrepublik schaut auf den Rasen – und endlich auch in die Kabinen. Dort, wo früher geschwiegen wurde, entsteht ein neues Spiel. Ohne Tabus, nur mit Taktik. Nagelsmanns Forderung ist klar: „Wer Angst hat, verliert.“