Nagelsmann klingelt, karl sitzt beim nachhilfelehrer – der dfb-call, der den bayern-jungen aus der schulbank riss

Ein Handy klingelt, ein Teenager zuckt zusammen, die Latex-Fingerspitzen der Mathelehrerin verharren mitten in der Gleichung. Lennart Karl verstummt, weil auf dem Display Julian Nagelsmann steht. Der Bayern-Youngster war am Mittwochabend nicht im Audi-Trainingcenter, sondern in der Nachhilfe – und kassierte trotzdem den Kader-Check für den DFB-März.

Nagelsmanns scherz auf der pressekonferenz

„Ich habe kurz gedacht, ich störe“, sagt der Bundestreller am Donnerstag grinsend in der Frankfurter DFB-Zentrale. Dann lacht er laut und erzählt, wie Karl flüsternd „Moment, ich bin gerade in der Schule“ antwortete. Für Nagelsmann ein willkommener Gag, um die Spannung des Testspiels gegen Dänemark und die Niederlande zu lüften. Für Karl war es der Beweis: Leistung zählt, nicht der Ort.

Der 18-jährige Offensivspieler ist Bayerns jüngster Profi der Saison, lief dreimal in der Bundesliga ein, traf im Pokal gegen Freiburg. Dass er gegen Frankreich und Holland dabei sein darf, verdankt er nicht nur Tempo-Dribblings, sondern auch seinem Abi-Schnitt von 1,4. „Er bringt Hirn mit, das wir dringend brauchen“, sagt Nagelsmann und spielt damit auf die chaotischen Aufbau-Phasen der Nationalelf an.

Warum der schulstoff jetzt wichtiger ist als je zuvor

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Karl muss am Montag trotzdem zurück in die Klasse. Die bayerische Abiturprüfung steht an, und der Klub droht mit Internatssperre, sollte er die Lernzeit sausen lassen. Ein Dilemma, das viele Talente kennen: Entweder Medienrummel oder Mathe-Hausaufgaben. Doch Karl hat einen Plan. Er trainiert morgens um sechs mit dem Team der Profis, sitzt um 15 Uhr in der Schule und abends wieder im Leistungszentrum. „Schlaf ist überbewertet“, sagt er lachend.

Der DFB sichert ihm einen Privatlehrer für die Länderspiel-Woche zu, doch das Bayerische Kultusministerium lehnte einen Sonderurlaub ab. Klausuren bleiben Klausuren. Die Ironie: Während seine Kameraden auf Instagram-Storys aus Miami posieren, büffelt Deutschlands größtes Talent lineare Funktionen. Die Botschaft ist klar – Nagelsmann will keine Halbstarken, sondern Vollprofis mit Hirn.

Am Ende zählt die Leistung. Karl hat in dieser Saison bereits fünf Torbeteiligungen in 214 Minuten, mehr als jeder andere U-19-Nationalspieler. Die Note 1 in Mathe steht noch aus, aber die Note 1 im Nationaltrikot ist ihm sicher. Und wenn er in Amsterdam aufläuft, wird er wissen: Das Telefon kann klingeln, egal ob in der Schulbank oder im Stadion – der nächste Pass kommt von Nagelsmann, nicht vom Lehrer.