Nach skandal-outing: michelle timm will verschwinden, aber der sport lässt sie nicht los
Michelle Timm wollte nur ein paar Worte sagen. Stattdessen wurde sie zur Zielscheibe. Nach ihrem Offenbarungs-Beitrag über systematische Misshandlungen am Stuttgarter Kunstturn-Forum schlug ihr die Szene mit Schweigen und Schuldzuweisungen. Für viele bin ich
nur der Auslöser von etwas Negativem, erzählt sie. Der Preis für Wahrheit? Fremdenhass im eigenen Sport.
Stuttgart, mitte 2025: aufarbeitung im schneckentempo
14 Monate seit Tabea Alts erstem Facebook-Post über brutale Trainingsmethoden, 14 Monate seit den ersten Ermittlungen gegen Spitzenfunktionäre. Ergebnis: Keine Entlassung von DTB-Präsident Alfons Hölzl, keine konkreten Konsequenzen für die Trainerriege. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart sammelt weiter Akten, das Landessportkommission verlängert ihre Deadline bis Herbst 2025. Timm lacht bitter: Es hätten sich wohl einige gefreut, wenn ich einfach gegangen wäre.
Dabei hat sie ihre eigene Karriere schon hinter sich. Heute leitet sie eine Kindergruppe, sechs- bis achtjährige Mädchen, die noch nicht wissen, dass ihre Trainerin zum Symbol eines Skandals wurde. Die Eltern wissen es – manche dankbar, manche irritiert. Die verstehen nicht, dass ich nicht den Sport angreife, sondern die Strukturen
, sagt Timm. Ihre Trainingszeiten sind reduziert, Sponsoringangebote bleiben aus, und bei Wettkämpfen flüstern Kollegen hinter vorgehaltener Hand über die, die zu viel spricht
.

System oder einzelfall? die verbandsphilosophie
Der Deutsche Turner-Bund (DTB) sieht keinen Grund für personelle Konsequenzen. Interne Prüfungen seien noch nicht abgeschlossen
, heißt es. Parallel wirbt der Schwäbische Turnerbund für den DTB-Pokal in Stuttgart, als handle es sich um ein fröhliches Frühlingsfest. Dazwischen die Athletinnen: Helen Kevric will sich nicht als Missbrauchsopfer
sehen, Elisabeth Seitz spricht von einem notwendigen Knall
, Janine Berger glaubt nur an externen Druck. Keine einheitliche Linie – perfekte Spaltung.
Michelle Timm hat keine Lust mehr auf Statements. Sie will aufstehen, zur Halle fahren, ihre Kleinen empfangen. Ich warte einfach darauf, dass es vorbei ist
, sagt sie und meint damit nicht nur die Ermittlungen. Sie meint das Gefühl, in einem Hamsterrad zu laufen, das sich Turnen nennt und sich seit Jahren an derselben Stelle dreht. Ob sie 2027 noch dabei ist? Glauben tue ich es nicht
, sagt STB-Geschäftsführer Matthias Ranke. Timm nickt nur. Dann steigt sie ins Auto und fährt zur Halle. Training beginnt in zehn Minuten. Der Sport wartet – trotz allem.