Hediger bricht nach spätem debakel zusammen: «warum wir?»

Wieder traf es den FC Zürich in der Nachspielzeit. Wieder lagen die Stadtzürcher lange auf der Siegerstraße. Und wieder mussten sie mit leeren Händen dastehen, während die Gegner jubelten. Dennis Hediger stand vor den Mikrofonen von blue Sport, und man sah ihm an, dass er am liebsten geschrien hätte. Stattdessen flüsterte er: «Es ist brutal.»

Die angst kommt in minute 90

Die Szene war ein Déjà-vu. Servette drückte, der FCZ verteidigte mit dem Messer zwischen den Zähnen. Dann ein Standard, ein Kopfball, ein Aufschrei. 1:2. Hediger riss sich die Kapuze vom Kopf, als wollte er sich selbst wach klopfen. Seine Spieler sanken ab, einige blieben auf dem Rasen liegen, als hätten sie gerade ihr letztes Kraftreservoir verbraucht.

Was niemand erzählt: Die Statistik lügt nicht. Bereits das vierte Mal in dieser Saison kassiert der FCZ in den letzten fünf Minuten den entscheidenden Gegentreffer. Ein Muster, das sich wie ein roter Faden durch die bisherige Spielzeit zieht. «Wir trainieren die Situationen, wir sprechen darüber, wir analysieren Videos», sagt Hediger. «Und dann passiert genau das Gegenteil.»

Die fans singen, trotzdem

Die fans singen, trotzdem

Im Block der Mitgereisten herrscht kurz Stille, dann brüllt es wieder lauter als zuvor. «Züüri, Züüri» hallt durch das Stadion, die Stimmen werden heiser, aber sie hören nicht auf. Hediger schaut hinüber und schluckt. «Die meisten Auswärtsspiele sind für uns Heimspiele», sagt er. «Das ist Wahnsinn.»

Die Zahlen bestätigen seine Worte: Mit durchschnittlich 2.300 Reisenden pro Partei zählt der FCZ zu den bestunterstützten Teams der Liga. Doch die Zahlen sind bitter. Trotz 58 Prozent Ballbesitz, trotz 17 Torschüssen, trotz 4,1 erwarteten Toren – am Ende steht wieder eine Null in der Sieg-Spalte.

Lo que nadie cuenta ist: Hediger hat in den letzten Wochen sein ganzes Repertoire ausprobiert. Dreier- und Viererkette, Doppel-Sechs und falscher Neun, Manndeckung und Raumdeckung. Nichts fruchtet. «Es fühlt sich unfair an», sagt er. «Weil die Jungs alles geben. Weil die Fans alles geben. Und wir bekommen trotzdem den Nackenschlag.»

Der trainer spricht mit leiser stimme

Der trainer spricht mit leiser stimme

Im Interview-Raum ist die Luft dick. Die Fragen kommen spitz, die Antworten leise. «Irgendwo fehlen einem die Worte», sagt Hediger. «Warum wir das verdienen sollten, kann ich dir nicht erklären.» Seine Hände zittern kaum merklich, er verschränkt die Arme, als wollte er sich selbst festhalten.

Die Saison ist noch jung, aber die Psyche nagt. Jede späte Pleite hinterlässt eine kleine Narbe, summiert sich zu einem Gefühl von Machtlosigkeit. «Wir müssen zusammenstehen», sagt er. «Aber wie lange noch, wenn das Momentum sich nicht wendet?»

Am meisten weh tut das Wissen, dass die nächste Chance schon am Samstag wartet. Bereits am 5. Spieltag empfängt der FCZ St. Gallen. Wieder ein Heimspiel, wieder eine Favoritenrolle, wieder die Gefahr des nächsten Spät-Treffers. Hediger atmet tief durch. «Wir können nur weitermachen. Mehr bleibt uns nicht.»

Die Uhr im Stadion tickt weiter. Draußen schon dunkel, drinnen hell erleuchtet. Der Rasen ist leer, aber die Fragen bleiben. Warum immer wir? Warum immer so spät? Warum gerade jetzt, wo alles danach aussah, dass sich der Knoten endlich löst? Hediger dreht sich um, geht mit gesenktem Kopf in den Katakomben unter. Die Saison ist noch lang. Aber die Zeit läuft. Und der FC Zürich steht mit dem Rücken zur Wand – schon wieder.