Milan-juve: die parallelkarrieren, die nie stattfanden

Was wäre, wenn Rafael Leão heute statt Dribblings Beats dropping würde? Beim Showdown zwischen Milan und Juventus treffen elf Profis aufeinander, die beinahe ganz andere Lebensländer hätten absolvieren können – vom Rapper bis zum Football-Helden.

Die Gazzetta dello Sport hat die verrückten Alternativkarrieren der Topstars ausgegraben. Das Ergebnis: Ein Blick hinter die Kulissen des Calcio, der zeigt, wie nah Ruhm und Alltag manchmal beieinanderliegen.

Von der straße aufs spielfeld

Mike Maignan beispielsweise wollte ursprünglich Stürmer werden. Der französische Keeper räumt ein, dass er als Kind lieber Tore schoss als hielt – bis ein verletzter Torwart in der Jugendmannschaft ausfiel und der Coach ihn zwischen die Pfosten stellte. „Ich war sauer, aber meine Mutter sagte: Geh hin und halt einfach den Ball“, erinnert sich Maignan. Der Rest ist Milan-Geschichte.

Rafael Leão wiederum schwelgt in Musikträumen. Unter dem Künstlernamen „Way 45“ veröffentlicht der Portugiese regelmäßig Tracks, bei denen Trap-Beats auf autobiografische Texte treffen. Sein Song „Pool“ allein streamt auf Spotify über fünf Millionen Mal. Ohne den Ball wäre er laut eigener Aussage „voll in der Szene untergetaucht“. Stattdessen wird er jetzt von Tifosi gerappt.

Kroatiens verpasste gastronomie

Kroatiens verpasste gastronomie

Bei Juve dreht sich das Rad der Spekulationen ebenso rasch. Luka Modric musste als Kind in Zadar auf dem Fischmarkt ausholen, um Geld für neue Stollen nachzulegen. „Ich habe Teller gewaschen und Kaffee serviert, wenn die Touristen kamen“, sagt der Mittelfeldstratege. Heute serviert er Assists statt Espresso – doch die Servierbewegung hat er behalten.

Noch abstrakter klingt die Karriere von Youssouf Fofana. Der Franzose jobbte neben dem Training in Reims als Pizza-Lieferant, um seiner Mutter die Miete zu finanzieren. „Ich kenne jede Straße im Département“, scherzt er. Mittlerweile liefert er Pässe quer durchs Mittelfeld, die ebenso punktgenau ankommen wie seine damaligen Calzone.

Touchdown statt torschuss

Die amerikanischen Einflüsse sind ebenfalls spürbar. Weston McKennie und Jonathan David spielten in der Highschool Football, bevor sie sich für den runden Ball entschieden. McKennie war als Safety unterwegs, David sogar als Wide Receiver mit 4,5-Sekunden-Sprint. „Der Coach wollte, dass ich bleibe, aber ich hasste die Pause zwischen den Spielzügen“, erinnert sich David. Heute wartet keiner mehr auf ihn – außer vielleicht die gegnerische Abwehr.

Und Federico Gatti? Der Juve-Verteidiger arbeitete bis 2018 als Maurer in Pavullo. „Ich bin morgens um fünf aufgestanden und habe nach der Schicht noch trainiert“, sagt er. Seine Hände erzählen noch heute von Ziegeln und Mörtel – seine Gegner von Ellenbogen und Biss.

Die zahl, die alles erklärt

Knapp 60 Prozent der aktuellen Serie-A-Profis stammen aus so genannten Niedriglohn-Haushalten, wie eine Studie der Universität Mailand zeigt. Die Geschichten von Leão, Gatti & Co. sind daher keine Romantik-Seite, sondern Realität. Sie sind der Beweis, dass der Weg an die Spitze selten gerade verläuft – und dass hinter jedem Millionen-Vertrag ein Tagjob steckte, der heute nur noch als Anekdote taugt.

Am Sonntagabend stehen sie sich gegenüber: der Rapper und der Maurer, der Ex-Pizzabote und der ehemalige Kellner. Die eine Hälfte hätte fast Musik geschrieben, die andere Putz. Stattdessen schreiben sie Taktik auf dem Rasen. Die Serie A bleibt ihr einziger gemeinsamer Arbeitgeber – und der einzige Ort, an dem sie nie wieder einen Nebenjob brauchen werden.