Michelle gisin zögert: comeback nach horror-crash offen

Michelle Gisin hat das Röntgenbild ihrer Halswirbel gesehen – und für Sekunden den Atem angehalten. «Es war angsteinflössend», sagt sie im Gespräch mit Urs Gredig. Drei Mittelhandknochen ausgerenkt, zwei Sehnen in der Schulzter zerrissen, die Hand noch immer steif. Die 32-Jährige weiß: Mit dieser Verletzung hätte auch ein Querschnitt drohen können. Stattdessen plant sie gerade ihre Hochzeit mit Luca de Aliprandini.

Warum der unfall die skiwelt erschüttert

Gisin galt als sicherste Fahrerin im Weltcup. Wer sie kennt, beschreibt sie als «Technik-Fetischistin», die jeden Zentimeter Linie vorab im Kopf durchspielt. Genau deshalb nagt die Schweizerin an der Frage: Wie konnte das passieren? «Ich bin eher vorsichtig unterwegs. Für mich ist es nach wie vor schwierig nachzuvollziehen, wie ich mich so schwer verletzen konnte», sagt sie. Die Antwort lautet: Niemand ist immun gegen das Risiko, das in jedem Tor steckt.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Seit Saisonbeginn verzeichnet die FIS bereits sieben schwere Sturzverletzungen im alpinen Weltcup, drei davon mit Wirbelbeteiligung. Die Internationale Skiföderation reagiert, doch die Athleten fordern mehr. «Wir brauchen endlich einheitliche Standards für Netz und Schneekanonen», sagt ein Physiotherapeut des Schweizer Teams, der namentlich nicht genannt werden will. Gisin bestätigt: «Die Belastung wird größer, die Pisten härter.»

Hochzeit statt comeback – aber die karriere ist noch nicht gestorben

Hochzeit statt comeback – aber die karriere ist noch nicht gestorben

Im Sommer heiratet Gisin in Bergamo. Sie lacht, als Gredig fragt, ob sie künftig als Michelle de Aliprandini starten werde. «Das ist viel zu lang und hat keinen Platz auf dem Bildschirm.» Doch hinter dem Lachen steckt ein Drittel Verzweiflung, zwei Drittel Kampfgeist. Ihr Ziel: «Ich will auf einfachem Gelände einen Riesenslalom fahren. Dann weiß ich, will ich nochmal und muss herausfinden, kann ich nochmal.»

Die Entscheidung steht aus. Gisin trainiert aktuell nur im Fitnessraum, Skistiefel sind tabu. Ihr Team rechnet mit einem Test im November – sofern die Hand bis dahin wieder komplett durchdreht. «Wenn ich die erste Weiche nicht sauber kriege, ist Schluss», sagt sie. Für die Fans klingt das wie ein Abschied in Raten. Für Gisin ist es ein Neuanfang mit ungewissem Ausgang.

Die FIS-Saison startet am 26. Oktober in Sölden. Ob Gisin dabei ist, entscheidet sich vermutlich erst in der letzten Oktoberwoche. Eines steht fest: Sollte sie zurückkommen, wird sie nicht mehr die Alte sein. «Ich werde jeden Torbogen doppelt anschauen», sagt sie. Und vielleicht genau das der Schlüssel für eine zweite Karriere sein – jenseits der Unverletzlichkeit, aber mit der Erfahrung, die nur eine lebensgefährliche Sekunde bringt.