Maya fügenschuh fliegt mit 17 und 6 % sehkraft auf rang zehn
80 km/h, 13 Jahre Altersunterschied, ein Headset und ein Sehrest von gerade mal sechs Prozent – das ist die Formel, mit der Maya Fügenschuh bei ihrem Paralympics-Debüt auf Anhieb die Top-Ten kratzt. Rang zehn im Riesenslalom, 36 Sekunden hinter der späteren Gold-Aigner – eine Differenz, die in keinem Statistik-Excel auffällt, aber in der Realität des deutschen Teams für ganz viel Stolh und ein paar Tränen sorgt.
Vertrauen als spur im pulverschnee
Johanna Holzmann fährt vor, Fügenschuh folgt dem Klang. Zwischen den beiden existiert kein Millisekunden-Puffer, sondern ein akustisches Seil. „Zack, zack – jetzt volle Drauf!“ heißt es, wenn die Linie in der nächsten Fallline zu Bruch geht. Holzmann, früher Telemark-Weltcupfahrerin und Olympiateilnehmerin im Skicross, gibt Tempo, Radius, Schatten, Sprungkanteln durch das Mikro. Fügenschuh übersetzt das in Muskelarbeit. Das klingt nach High-Tech, ist aber uralte Sport-Logik: Wer sich fallen lässt, gewinnt.
Die Wildcard war eigentlich ein Irrtur. Der Deutsche Behindertensport-Bund hatte die beiden erst für 2030 eingeplant, doch ein Anruf von Bundestrainer Justus Wolf kippte den Schulalltag der Realschülerin. Statt Mathe-Abschluss also Cortina-Pisten. Statt Klassenfahrt also Village-Apartment samt adoptierter Zimmerpflanze und deutscher Team-Poncho-Doppelträger-Pflicht. Die Chemie stimmt sofort, weil sie dieselbe Sprache sprechen – nicht nur akustisch, sondern emotional. „Wir haben unsere eigenen Codes“, sagt Holzmann und meint damit keine Taktik, sondern ein Innenleben aus Vertrauen, das man nicht erlernen kann.

Der slalom am samstag wird zur revanche
Technisch lag noch eine halbe Sekunde im Soll, zehn Riesenslalom-Tore kosten Zeit, wenn das Timing zwischen Guide und Athletin um ein Zehntel zittert. Im Slalom fordert Cortina eine andere Taktik: enger, schneller, mehr Richtungswechsel pro Sekunde. Fügenschuh will „zwei saubere Läufe“ riskieren, Holzmann will „die Latenz auf Null“. Beide wissen: Medaillen sind 2026 nicht drin, aber eine Top-8-Platzierung würde schon jetzt die nächste Förderstufe lösen und Sponsoren locken. Denn der deutsche Skisport-Verband plant sein Para-Programm aus, und wer jetzt zeigt, dass er auch unter Olympia-Druck liefert, sichert sich Einschaltquoten und Budget für die nächsten vier Jahre.
Die Zahlen sind klein, die Bedeutung groß: 17 Jahre, 6 Prozent Sehkraft, ein Headset, ein Guide, ein Traum. Fügenschuh nennt das „mega happy“. Holzmann nennt das „Anfang von Kapitel zwei“. Für den Rest der Wettkampfwoche wird aus dem akustischen Seil ein Stahlseil – und aus der Wildcard vielleicht eine feste Karte für 2030. Der Slalom am Samstag beginnt um 09.30 Uhr, Startnummer 19. Dann zählt nur noch das Kommando: „Zack, zack!“
