Margis steigt vom bob-olymp auf den schreibtisch: fünf gold, null pardon
Thorsten Margis hat gerade die Eisbahn verlassen – und schon sitzt er zwischen Aktenstapeln. Fünf Olympia-Goldmedaillen im Gepäck, 36 Jahre alt, Start-up statt Startblock. In zwei Wochen beginnt für den Rekord-Anschieber der „bürgerliche Alltag“ bei SONOTEC in Halle. Kein Trommeln, keine Kameras, dafür Ultraschall-Sensoren statt 150 km/h im Omega-Kurve.
Sein letzter ritt war sein schnellster
Cortina d’Ampezzo, Februar 2026. Im Viererbob von Johannes Lochner surft Margis über die Eisrinne, 4,97 Sekunden Vorsprung, Gold Nummer fünf. Kein Deutscher hatte je so viele Olympiasiege im Bob. Dann knallt die Tür: Karriereende. „Ich wollte auf dem Höhepunkt raus, nicht auf dem Abstellgleis“, sagt er im MDR-Studio. Die Stimme ruhig, aber das Adrenalin schwingt noch nach.
Die Umstellung folgt auf dem Fuße. Montag, 08:00 Uhr, Büro statt Bob-Kufe. „Keine 18 Wochen Hotelzimmer, kein Franziskaner nach dem Rennen“, lacht er, „dafür Excel und Kaffeeautomaten.“ Margis schmunzelt, aber er meint es ernst. Der Sportwissenschaftler hat sich bewusst gegen ein TV-Sofa oder Promi-Dschungel entschieden. „Ich bin 36, kein Rentner.“

Beef mit der friedrich-crew war nur die halbe wahrheit
Die Trennung von Francesco Friedrich war kein Krach, sondern ein Riss. „Zwischen Franz und mir lief alles“, betont Margis. „Aber die Crew wurde zum Kindergarten.“ 18 Wochen enger Kader, Ego statt Teamgeist. „Ständig Nebengeräusche, wer wo sitzt, wer wie viel Power hat.“ Er zog die Reißleine, wechselte zum Erzrivalen Lochner – und wurde mit Gold belohnt. „Manchmal muss man den Schmerz gehen, um den Traum zu finden.“
Lochner bestätigt: „Thorsten hat Ruhe reingebracht, keine Faxen, nur Fokus.“ Die Chemie stimmte, die Zeiten auch. In der Saison 2025/26 fuhr das Lochner-Quartett fünf von sieben Weltcup-Siegen ein. Margis lacht: „Franz hat uns trotzdem geschrieben: ‚Weiter so, Jungs.‘ Sportlich fair bis zum Schluss.“

Was bleibt, ist ein loch – und ein vermächtnis
Drei Wochen nach Cortina fällt Margis auf, wie leer der Kalender ist. „Früher war ich 200 Tage unterwegs, jetzt bin ich 200 Tage daheim.“ Seine Töchter wissen noch nicht, dass Papa nicht wieder abfliegt. „Die Kleine fragt: ‚Wann kommst du vom Training?‘ – Ich: ‚Nie mehr.‘“ Die Familie jubelt, aber er gesteht: „Ich werde die verrückte Truppe vermissen. Zwölfjährige auf Steroide, das war mein Leben.“
Statistisch gesegelt: 13 Jahre, Weltcups, 15 Siege, fünf Olympiasiege, null Dopingvorwurf. Margis‘ Quote: 38 % Siegchancen in Olympia-Rennen. „Die Zahlen lügen nicht, aber sie erzählen auch nicht, wie kalt die Nächte waren, wie heiß die Druckphase.“
Am 1. April beginnt seine neue Bilanz: 40-Stunden-Woche, Projekte für Ultraschall-Durchflussmessgeräte. Chef Jörg Katzwinkel lobt: „Wir bekommen einen Hochleistungs-Sportler, der weiß, wie man Ziele umsetzt.“ Margis selbst sieht kein Kontrastprogramm: „Präzision ist Präzision – ob bei 150 km/h oder 150 kHz.“
Er nimmt seine Medaillen nicht mit ins Büro. „Die hängen zu Hause, wo sie hingehören.“ Stattdessen packt er einen Stapel Startnummern ein. „Als Erinnerung, dass jeder Tag ein Start ist.“ Bob-Deutschland verliert seine Speerspitze, gewinnt aber ein Beispiel: Abschied kann Sieg bedeuten – wenn man rechtzeitig die Kufe wechselt.
