Marchand sprintet ins halbfinale – und trägt tokio im herzen

Kathrin Marchand will nicht nur dabei sein. Die 35-Jährige will ankommen. Drei Minuten und 42 Sekunden nach dem Startschuss in der Qualifikation stand sie mit zitternden Beinen am Streckenrand, atmete den kalten Wind ein und wusste: Halbfinale. Ihr erster Paralympics-Auftritt, doch ihre Augen glänzten wie nach einem Olympia-Sieg. Weil sie weiß, wie weit der Weg war.

Vom schlaganfall zum schneequäl

Vor fünf Jahren erlitt Marchand einen Schlaganfall. Rechtsseitig gelähmt, konnte sie weder laufen noch rudern – ihr eigentliches Metier. In Tokio 2012 und 2016 hatte sie als Ruderin schon olympisch gewetzt, 2016 auch bei den Sommer-Paralympics. Dann das Urteil der Ärzte: „Wird nicht mehr laufen.“ Sie hörte das, drehte sich um und biss sich auf die Zunge. Stattdessen lernte sie, auf Skiern zu stehen. Mit Prothese, mit Stützen, mit Wut im Bauch.

Die drittschnellste Zeit im Sprint der stehenden Klasse klingt nach Statistik. Für Marchand ist es eine Kampfansage. „Ich bin kein Füllmaterial“, sagt sie, noch ehe die Mikrofone sich drängeln. „Ich bin hier, um zu gewinnen.“

Deutsches team dominiert die sitze und die sicht

Während Marchand ihre Geschichte neu schreibt, liefern die Teamkolleginnen schon die Rohfassung. Anja Wicker fuhr in der sitzenden Klasse als Viertschnellste ins Halbfinale, Andrea Eskau folgt als Siebte. Nur Merle Menje rutschte als 15. aus dem Raster – zu langsam, zu früh. Bei den Sehbehinderten schicken Leonie Walter mit Guide Christian Krasman und Linn Kazmaier mit Florian Baumann zwei Teams ins Rennen. Johanna Recktenwald, gestern noch Bronzegewinnerin im Langlauf, schonte heute die Oberschenkel. „Körper muss reichen“, sagt sie knapp.

Die Männer? Sebastian Marburger war vor dem Rennen krank, dann der Schnellste. Keine Ironie, nur Tempo. Alexander Ehler und Maximilian Weidner schauten zu, wie sich der 28-Jährige ein Ausrufezeichen setzte. Marburger selbst sagt nichts, nur sein Atem, weiß in der Luft.

Die zahl, die bleibt: 3,42

Dreimal hundert Meter, zwei Steigungen, ein Zielsprint. 3:42 Minuten stehen im Protokoll, doch hinter jedem Tick versteckt sich ein Monat Reha, ein Jahr Frust, ein Leben ohne Netz. Kathrin Marchand trägt keine Startnummer, sondern ihre Biografie. Im Halbfinale trifft sie auf Weltklasse, aber sie hat schon bewiesen, dass Krankheit nur ein Satz ist – und dass man Sätze umschreiben kann.

Die Paralympics in der Nordischen Arena sind kein Trostpreis, sondern ein Krieg der Nerven. Und Marchand hat gerade erst aufgerüstet.