Lucie-marie kretzschmar jagt den pokal ohne netz und doppelten boden
Stuttgart – Lucie-Marie Kretzschmar hat WM- und EM-Titel im Gepäck, aber keinen einzigen Pokal mit ihrem Verein. Das soll sich am Samstag ändern. Die 25-Jährige zieht mit Bensheim/Auerbach ins Final4 der Haushahn-Pokal-Damen ein – und diesmal will sie nicht nach Hause fahren, um sich mit Bronze oder Silber zu trösten.
Die flames kommen ohne luxus, dafür mit wut
Die Verletztenliste liest sich wie ein Befund: Lisa Friedberger, Kim Irion, Nyala Baijens fallen komplett aus, hinter Ndidi Agwunedu und Mareike Thomaier hängt ein Fragezeichen so groß wie der Porsche-Arena-Eingang. Doch genau das schmeckt nach Kretzschmars Welt. „Wenn wir komplett wären, würden wir vielleicht denken, dass es easy wird. So wissen wir: Wir müssen beißen“, sagt sie und klingt dabei wie ihr Vater Stefan, wenn er früher in der Verteidigung den Ball klaute und das Publikum aufschrien ließ.
Das Halbfinale gegen Thüringer HC (Samstag, 16.15 Uhr, live auf DF1 und Dyn) ist auf dem Papier ein Klassiker der Liga-Plätze drei und vier. Auf dem Parkett aber ist es ein offener Kampf, weil Ludwigsburg – früher die ewige Favoritin – seit der Insolvenz fehlt. „Früher brauchte man ein Wunder, um überhaupt ins Finale zu kommen. Heute braucht man nur zwei gute Tage“, sagt Kretzschmar und lacht, aber ihre Augen bleiben ernst.

25 Prozent chance, 100 prozent anspruch
Die Mathematik ist simpel: vier Teams, je eine Chance von 25 Prozent. Doch die Flames wollen keine faire Verteilung, sie wollen die 100-%-Seite. Dass Bensheim in dieser Saison „Aufs und Abs“ erlebte, wie sie sagt, kümmert sie nicht. „Wir haben keine Europapokal-Minuten in den Beinen, dafür aber frische Energie und den Anspruch, Geschichte zu schreiben.“
Die verletzten Mitspielerinnen sind trotzdem mitgereist. Sie sitzen auf der Tribüne, schwenken Fahnen und geben Laut. „Wenn du auf der Bank bist und spielst, bist du trotzdem Teil des Spiels“, erklärt Kretzschmar. Die rote Wand – so nennt sie die Fans – wird wieder singen, bis die Stimmen weg sind. Und wenn am Sonntag der Pokal in der Hand der Flames steht, wäre es nicht nur der erste Titel der Vereinsgeschichte, sondern auch die Geburtstagsparty für eine Spielerin, die schon alles gewonnen hat – nur eben noch nicht mit ihrem Klub.
Dann würde Lucie-Marie endlich auch einen Vereins-Titel in den Händen halten – und könnte nebenan in der Arena-Bar mit Vater Stefan anstoßen. Auf Beach- und Hallen-Gold.
