Lipowitz und evenepoel: erster doppeltest bestanden – tour-gipfel rückt näher

Florian Lipowitz spurtet mit zuckersüßem Grinsen über die Zielgerade, Remco Evenepoel schüttelt nur kurz den Kopf – Dritter und Vierter auf der Auftaktetappe der Volta a Catalunya, getrennt von Godon nur durch einen Fahrradschuh. Für Red Bull-Bora-hansgrohe ist das kein Frust, sondern ein Signal: Die geplanten zwei Kapitäne für die Tour de France haben ihr erstes großes Gemeinschafts-Quiz bestanden, und die Antwort lautet Chancen stehen 50:50.

Warum die niederlage auf dem papier ein sieg im kopf ist

Evenepoel, sonst Zeitfahr-Olympionike, musste sich erstmals seit Monaten wieder in ein Hügel-Finale quälen. Lipowitz, Laichinger Jungstar, durfte zeigen, dass Rang drei im letzten Juli kein Zufall war. Beide kamen im selben Sekundenfeld an wie Godon – in einem Sprint, der normalerweise nicht ihre Domäne ist. Sportlicher Gewinner des Tages ist für das deutsche Publikum Henri Uhlig: Der 22-jährige Regensburger riss mit Alpecin-Premier Tech als Achter die beste deutsche Platzierung heraus und schob sich damit vor den überraschten Blicken von Visma-Kapitän Jonas Vingegaard, der nur auf Rang 11 landete.

Die Taktik dahinter: Catalunya ist kein Ziel, sondern ein Labor. Ralph Denk ließ seine beiden Stars freie Marschrichtung, um zu schauen, wie sich Chemie und Kommunikation entwickeln. Ergebnis: Im Rennfunk herrschte kein Funkspruch-Chaos, im Bus danach keine Schuldzuweisung. „Wir wollten wissen, ob beide bereit sind, füreinander zu arbeiten – das haben sie bewiesen“, sagte Teammanager Denk. Die Datenanalyse zeigt: Lipowitz fuhr 2,3 Watt pro Kilogramm weniger als in der letzten Tour-Etappe, Evenepoel sparte sich 17 Prozent seiner Sprint-Reserven. Reserven, die im Juli nach Frankreich reisen sollen.

Pyrenäen statt provence – das echte tour-feeling folgt am wochenende

Pyrenäen statt provence – das echte tour-feeling folgt am wochenende

Am Dienstag geht es von Figueres nach Banyoles, doch die Schlüsseltests folgen am Wochenende mit drei Pyrenäen-Etappen. Dort will Lipowitz zeigen, dass er auch als Helfer funktionieren kann, wenn Evenepoels Zeitfahr-Krone im Bergschloss glüht. Und dort will Evenepoel beweisen, dass er nicht nur Einzelkämpfer, sondern auch Kapitan mit Durchsetzungskraft ist. Wer von beiden am Ende die Führung übernimmt, entscheidet sich erst auf der Straße – nicht im Besprechungszimmer.

Die Uhr tickt. In 100 Tagen startet die Tour in Rotterdam. Bis dahin muss die Doppelspitze funktionieren wie ein Schweizer Uhrwerk. Mallorca war der Prolog, Catalunya ist Kapitel eins. Kapitel zwei folgt im Mai an den Berghängen des Giro d‘Italia, wo beide erneut gegeneinander und miteinander fahren werden. Die Botschaft an die Konkurrenz: Wer auf Evenepoel oder Lipowitz spekuliert, muss künftig zwei Köpfe im Visier haben.

Und die deutschen Fans? Sie warten weiter auf den nächsten Tour-Held. Lipowitz könnte es werden – wenn er bereit ist, auch mal den second fiddle zu spielen. 36. Platz oder nicht: Die Reifenbreite zwischen Sieg und Niederlage ist kleiner denn je. In Catalunya wurde der Grundstein gelegt, im Sommer folgt der Gipfel. Die Tour ruft – und Lipowitz sowie Evenepoel haben gerade erst ihr Handy auf laut gestellt.