Lindsey vonn: „meine olympiade ist noch nicht vorbei – sie wurde einfach weggerissen“
Lindsey Vonn sitzt im kalifornischen Licht, aber ihre Gedanken sind noch in den Schatten der Eisrinne von Cortina. „Ich warte immer noch auf meine Spiele“, sagt sie leise. „Die, die man mir genommen hat.“ Keine Träne, nur ein stumpfer Schmerz, der seit dem 8. Februar in jeder Faser ihrer Beine nachhallt.
An diesem Tag zerbarst das, was ihre Karriere hätte krönen sollen. Ein Sturz bei Tempo 110, ein Knall, der sich durch die Tälern zog, und dann: offene Tibiaköpfe, Splitter im Sprunggelenk, ein Unterschenkel, der sich anhörte, als würde er in einem Kompressor zerquetscht. Fünf Operationen sind seitdem passiert, eine sechste steht an. Die Ärzte nennen das Kompartmentsyndrom, Vonn nennt es „das Monster, das mein Bein essen wollte“.
Die nacht, in der das skifahren fast ihr bein kostete
Zwei Wochen lag sie in Bergamo mit einer Fasziotomie, ein Schnitt von der Kniekehle bis zum Knöchel, damit der Druck nicht das Gewebe abtötet. Danach Rücktransport nach Colorado, wo sie im St. Anthony Hospital weitere drei Tage um jedes Millimeter Haut kämpfte. „Ich habe gespürt, wie das Skifahren aus mir herausläuft wie Wasser aus einem zerbrochenen Krug“, sagt sie. „Aber ich bin noch nicht leer.“
84 Weltcupsiege, zwei Olympia-Medaillen, vier Gesamtweltcups – Statistiken, die jetzt in einem Ordner liegen, der nicht aufgeht. Denn die Zukunft ist kein Terminplan, sondern ein offenes Feld. „Ich werde 2027 entlassen, sagen sie. Was danach kommt, weiß keiner. Vielleicht ein Leben ohne Prothese, vielleicht eins mit.“

Kein abschied, nur eine pause mit offenem ende
Die Laureus-Botschafterin und Trägerin des Prinz-von-Asturien-Preises redet nicht vom Ruhestand. „Rücktritt klingt, als würde man einen Vorhang zuziehen. Meiner hängt schon lange schief“, lacht sie, und das Lachen klingt wie ein altes Skistockmaterial, das noch nicht gebrochen ist. „Erst reparieren, dann schauen. Das Leben ist lang, die Piste auch.“
In Los Angeles posiert sie für eine Kampagne, steht auf Krücken zwischen Softboxen, und niemand merkt, dass sie innerlich noch in der Notaufnahme sitzt. „Ich kann das Licht sehen“, sagt sie. „Es ist nur weiter weg als jedes Ziel, das ich je angefahren habe.“
Die Uhr tickt, aber Vonn hat die Stoppfunktion rausgeworfen. Ihre einzige Disziplin jetzt: Schritt für Schritt. Ohne Startnummer. Ohne Zielfoto. Nur mit dem Wissen, dass das nächste Tor irgendwo da draußen steht – und dass sie hinken wird, wenn sie es erreicht.
