Lemieux trainiert mit, fehlt aber weiter – davos schmiedet heimliche pläne

Die grösste Frage im Bündner Eishockey kreist nicht um Torhüter oder Taktik, sondern um einen Mann, der morgens wie ein Gesunder über das Eis jagt und abends in der offiziellen Meldung als verletzt geführt wird: Brendan Lemieux.

Seit drei Partien steht der 29-jährige US-Stürmer beim HC Davos auf der Liste der Angeschlagenen. Trotzdem zeigte er sich am Mittwochvormittag voll belastbar beim Mannschaftstraining. Kein Schutzgips, kein reduziertes Programm – stattdessen Vollgas in den Sprints und Checks gegen die Bande. Ein Bild, das die Klubführung vor ein Rätsel stellt, das sie nicht lösen will.

Verletzung oder schachzug?

Intern heisst es zwar, Lemieux spüre «hartnäckige Rippenbeschwerden», doch wer ihn gesehen hat, wie er nach der Übungseinheit noch fünf Minuten lang Extra-Schiene fuhr, wittert Taktik. Die Liga-Konkurrenz soll offenbar im Unklaren bleiben, ob Davos’ wichtigster Physiker am 11. März im Viertelfinal gegen Biel zur Verfügung steht. Ein Bluff, der in der heiklen Phase durchaus Sinn macht.

Die Erinnerung an den 31. März 2025 ist noch frisch. Im dritten Semifinalspiel gegen ZSC Lions rastete Lemieux nach einem Hit gegen Chris Baltisberger aus, versetzte einem Linienrichter einen Uppercut und flog für vier Spiele raus. Saison vorbei, Titel weg. Genau diese Eskalation will der HCD verhindern – auch wenn das bedeutet, seinen Topscorer (21 Punkte in 27 Partien) vorerst zu verstecken.

Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte: Lemieux ist nicht komplett fit, aber auch nicht so angeschlagen, dass er nicht könnte. Die Mediziner sprechen von einer «Schonung zur Reizminderung», das Coaching-Team von «vorsichtigem Ressourcenmanagement». Klingt nach PR, ist aber nachvollziehbar: In der hektischen Qualifikations-Endphase zählt jeder Check, jede Minute auf dem Eis. Ein zweites Frühjahr ohne Lemieux wäre für Davos das Aus.

Die stunde der wahrheit naht

Die stunde der wahrheit naht

Am 11. März um 19.45 UHR steigt in der Vaillant Arena der erste Vergleich mit dem EHC Biel. Ob Lemieux dann mitfährt, wird erst kurzfristig entschieden. Interne Quellen vermelden, dass er inzwischen wieder komplett schmerzfrei ist – die Auszeit diente auch der mentalen Reset-Taste. Nach seiner Sperre im Vorjahr warf ihm das Coaching-Team vor, zu impulsiv zu sein. Diesmal will man ihn erst dann einsetzen, wenn die Temperatur auf dem Eis nicht mehr so schnell kocht.

Die Statistik spricht für den Angreifer: In den letzten sieben Spielen, in denen er voll mitwirkte, holte Davos 17 von 21 möglichen Punkten. Ohne ihn schrumpfte der Punkteschnitt auf 1,3 pro Partie. Die Bündner haben also zwei Optionen: Lemieux sofort zurückholen und das Risiko eingehen, dass er in der heissen Phase wieder die Bombe zündet – oder weiter warten und riskieren, dass die Offensive im Viertelfinal versiegt.

Die Fans diskutieren auf Social Media bereits mit Emojis: Da werden Schleich-Emojis neben Lemieux’ Trainingsfotos gepostet, daneben Spielverderber-Meme, die ihn in Biel-Trikot zeigen. Die Spannung steigt, die Buchmacher haben Davos’ Titelfavoriten-Quote leicht sinken lassen – ein Indiz dafür, dass die Märkte ebenfalls auf Klarheit warten.

Fakt ist: Der HCD spielt Poker auf höchstem Niveau. Lemieux ist die Joker-Karte, die man erst aufdeckt, wenn der Gegner bereits All-in gegangen ist. Ob der Plan aufgeht, entscheidet sich in den kommenden Tagen – und womöglich in einer einzigen hitzigen Viertelfinal-Szene. Sollte er dann wieder ausrasten, war die ganze Schonung umsonst. Läuft er dagegen heiss und zielstrebig auf, könnte Davos endlich den Masterplan präsentieren: einen gesunden Lemieux zur rechten Zeit. Die Münze ist bereits in der Luft.