Kittel schmiedet aus youtube-truppe ein tour-kandidat: rose rockets fliegen höher

Ein gelber VIP-Zeltdach für Visma, ein lila Wabbel-Biersee für die Rose Rockets – so spitz sich der Radsport 2026 auf. Und mitten im Getümmel steht Marcel Kittel, der Mann, der mal die Champs-Élysées dominierte und nun auf einem Campingstuhl sitzt, um jungen Sprintern beizubringen, wie man Weltklasse siegt. Der Ex-Profi ist Sprintcoach eines Teams, das vor vier Jahren noch ein YouTube-Gag war.

Vom pizza-lieferdienst zur worldtour-wildcard

Die Erfolgsformel klingt verrückt: Influencer-Business treffen auf klassisches Leistungsprinzip. Bas Tietema, früher selbst Radprofi, startete 2019 mit zwei Freunden den Kanal „Tour de Tietema“ – Filmchen über Alltag, Pizza an Fahrer nach Tour-Etappen, Spott über Langeweile im Peloton. Die Community wuchs, die Klicks sprudelten, 2023 wurde daraus ein Continental-Team. Ein Jahr später ProTour-Lizenz, heute 95 Mitarbeiter, ein Neoprenanzug-lackierter Team-Bus und ein Budget, das laut Insidern bereits die 15-Millionen-Marke kratzt.

Die Rockets finanzieren sich nicht primär über einen namensgebenden Super-Sponsor, sondern über Reichweite. Youtube, TikTok, Instagram – jeder Content-Tag bringt Werbedeals, Merch-Verkauf, Mitglieder-Abos. „Wir sind das ganze Jahr sichtbar, nicht nur an Renntagen“, sagt Kittel. Ein Modell, das Traditionsmannschaften nervt. Denn die müssen sich mit klassischen Leistungskriterien bei Rennveranstaltern bewerben, während die Rockets auch dann noch Klicks generieren, wenn sie hinten über die Zielgerade rollen.

Groenewegen statt geheimtraining

Groenewegen statt geheimtraining

Der Transfercoup war spektakulär: Dylan Groenewegen, 17 Tour-Etappensieger, wechselte zur Saison 2026 auf die lila Rakete. Mit dabei: Lead-out-Ass Elmar Reinders. Kosten? Stillschweigen. Effekt? Riesig. Schon Ende März jagte Groenewegen in Brügge dem Team die erste WorldTour-Pokalabholung. Die Wildcard für Mailand-Sanremo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix und Amstel Gold folgte – jedes Mal standen Tausende Fans in lila Jacken an der Strecke, Livestream-Zahlen knackten Rekorde.

Kittel sitzt dabei nicht im Windschatten. Er baut Sprintzüge neu auf, analysiert Windverhältnisse, lehrt Timing. „Ich habe 14 Touretappen gewonnen, aber hier geht’s darum, dass junge Fahrer wie Tobias Mülleroder Axel Dekker lernen, wie man Druck aushält, wenn sich 180 Gestalten bei 75 Sachen um denselben Streifen Asphalt balgen.“

2027 Steht die tour-teilnahme auf dem plan

2027 Steht die tour-teilnahme auf dem plan

Die Regel ist simpel: Die drei besten ProTour-Teams der laufenden Saison erhalten für 2027 automatisch Tour-Karten. Aktuell liegt Rose Rockets auf Rang vier, nur zwei Punkte trennen sie von Project Tudor. Deshalb jagt der Kader ab Mai beim Giro d’Italia nicht nur Etappen, sondern auch Ranglistenpunkte. „Wir müssen um Podestplätze sprinten, nicht nur um Etappensiege“, sagt Kittel. „Jeder Top-10-Platz zählt, jeder Zwischensprint bringt Zähler.“

Die Infrastruktur wächst im Takt: eigenes Trainingslager in Calpe, Aero-Räder von Rose, Performance-Lab in Aachen. Die Social-Media-Crew schickt täglich Clips, Podcasts, Memes. Die Community finanziert sich über Mitgliedschaften (ab 5 Euro/Monat) und limitierte Merch-Drops. Die 200 lila Jacken vom Amstel Gold? Gebraucht bei Ebay für 400 Euro. Die Marke lebt.

Doch der Hype schlägt Löcher. „Wir haben in acht Wochen von Null auf Hundert hochgefahren“, erzählt Kittel. „Da knallt mal ein Lkw-Reifen, da funktioniert das Timing an der Verpflegungszone nicht. Aber wir lernen schneller als jede Traditionsmannschaft, weil wir Feedback live in die Kamera bekommen.“

Am ende zählt nur der zielstrich

Am ende zählt nur der zielstrich

Der Giro beginnt in Bozen, Ziel ist Neapel. Wenn die Raketen dort punkten, dürften sie im Juli beim Dauphiné erneut WorldTour-Luft schnuppern. Und wer weiß: Vielleicht rollt 2027 ein lila Bus über den Champs-Élysées, begleitet von 50.000 Fans in Rocket-Capes. „Dann haben wir es geschafft“, sagt Kittel, „dann ist aus einem Youtube-Gag ein Tour-Teilnehmer geworden.“ Die großen Teams schauen auf – und merken: Ausstrahlung lässt sich nicht nur mit Champagner kaufen, manchmal reicht auch ein Bierbecher in lila.