Kimmich schlägt alarm: 6:1-sieg lässt bayern-kapitän kalt – die verletzten-liste nagt am team-geist

München, 03:47 Uhr nachts. In der Kabine von Atalanta herrscht Grabesstille, während in den Katakomben des Allianz-Arena die Lautsprecher „Seven Nation Army“ dudeln. Joshua Kimmich tritt ans Mikro, das Trikot noch vom Regen glänzend, und spricht das aus, was keiner vor ihm aussprechen wollte: „Wir könnten voller Euphorie sein, aber wir sind es nicht.“ Ein 6:1-Kantersieg, und die Stimmung kippt ins Leere – weil acht Profis in der Reha stehen, drei weitere mit Schmerzmitteln spielten und die Bank so dünn ist wie ein April-Eis.

Die zahl, die nagelsmann wach werden lässt

102 Minuten reines Spielzeit-Kontingent hat der FC Bayern aktuell auf der Verletztenbank liegen. Das ist kein Schreibfehler. Coman, Davies, Gnabry, Laimer, Mané, de Ligt, Neuer, Tel – alle außer Gefecht. Die medizinische Abteilung verzeichnet 27 Muskelverletzungen seit August, Rekord seit der Saison 2002/03. „Wir gewinnen Spiele, aber wir verlieren Spieler“, sagt Kimmich mit jener kantigen Stimme, die sonst nur in Zweikämpfen knallt.

Die Folge: Die verbliebenen Achtungseffekte schwinden. Gegen Atalanta lief ein Not-Programm auf, das Musiala dreimal in der eigenen Hälfte verteidigen ließ und Kane als Ball-Joker agieren ließ. 6:1 steht auf der Anzeigetafel, aber die xG-Werte (Expected Goals) liegen nur bei 2,4 für die Münchner – ein Sieg, der glanzlos bleibt, weil er auf Sand gebaut ist.

Der kapitän zieht die notbremse

Der kapitän zieht die notbremse

Kimmich, 31 Jahre, 92 Länderspiele, zweifacher Vater, redet nicht um den heißen Brei herum. „Wenn du abends das Spiel verarbeitest, fühlst du dich wie nach einer Niederlage“, sagt er und schlägt mit dem Zeigefinger gegen die Wand, als wolle er dem Putz die Schuld geben. Die Kabine sei „leise wie nach einem 0:3 in Freiburg“. Das ist keine PR-Show, das ist ein Spieler, der die Saison schon jetzt an der Kante sieht.

Die Vereinsführung reagiert sofort. Sportdirektor Max Eberl kündigt für Freitag ein Krisentreffen an, bei dem „jeder einzelne Reha-Plan auf den Prüfstand kommt“. Die interne Order: Kein Spieler kehrt vorzeitig zurück, selbst wenn der Klassiker gegen Dortmund vor der Tür steht. Die Angst vor einem „Collateral-Damage“, wie es intern heißt, ist größer als die Angst vor Punktverlust.

Und die Fans? Die reagieren mit Splitter-Partie. Auf Twitter kursiert ein Foto, das Kimmich mit leerem Blick zeigt, daneben die Zahl „8“ für die verletzten Kollegen. Der Tweet hat in vier Stunden 62.000 Likes – ein Sieg, der trauriger macht als jede Niederlage.

Morgen um 10:15 Uhr fliegt die Mannschaft nach Berlin, zum Pokal-Viertelfinale. Kimmich wird wieder an vorderster Front stehen, mit Schienbein-Riesen und einer Stimme, die schon jetzt rau klingt wie nach 120 Minuten Verlängerung. „Wir müssen das Spiel gewinnen, aber wir müssen vor allem uns selbst retten“, sagt er und verschwindet in der Nacht. Der 6:1-Sieg ist längst Geschichte, die nächste Verletzung schon in Startlöchern. Die Saison der Bayern wird zur paradoxen Achterbahn: Je höher sie gewinnen, desto tiefer fällt die Stimmung.