Kenias puls unter 2 stunden: italiener claudio berardelli packt aus, wie er sabastian sawe zur 1:59:30 schickte

1:59:30 – die Zahl flimmert seit Sonntag durch alle Kanäle. Hinter dem ersten offiziellen Sub-2-Marathon der Geschichte steckt ein 45-jähriger Brite aus Brescia, der seit 22 Jahren in Kenia lebt und sich selbst nie mehr wegdenkt: Claudio Berardelli. Seine Story liest sich wie ein Roadmovie zwischen Mailander Uni-Hörsaal, Kapsabet-Höhenluft und einem kleinen Ziegenhof.

„Ich rechnete mit 2:02, nicht mit 1:59“

Die Wahrheit kommt ohne PR-Firma: „Vor Berlin hatte er die Form seines Lebens, dann knallten 26 Grad – 2:02:14. Verloren habe ich danach ein Stück Zuversicht“, sagt Berardelli am Telefon aus Herzogenaurach, wo er mit Sawe die Adidas-Zentrale verließ. Oktober: Mikrofraktur. Dezember: Rückenschmerzen. „Wir mussten Gas geben, wo andere Pause machen.“ Die letzten sechs Wochen: 241 Kilometer in der Peak-Woche, dazu Intervall-Block bis zur Schmerzgrenze. „Er hat die 2195 m in 5:51 abgespult – 2:40 min/km, das ist 5000-m-Tempo. Und er lächelte.“

Was den Unterschied macht? Berardelli zögert, dann kommt es raus: „Er ist ein Geschenk, keine Trainingsformel. Meine Frau sagt, Gott habe ihn runtergeschickt.“

Ein italiener, eine turkana und 70 ziegen

Ein italiener, eine turkana und 70 ziegen

2004 wollte Claudio für vier Wochen Praktikum bleiben, heute wacht er um 5 Uhr in Eldoret auf, fährt 45 Minuten nach Kapsabet, betreut 30 Athleten – darunter Olympiasieger Emmanuel Wanyonyi und Benson Kipruto. Geheiratet hat er Claudia, eine Turkana mit italienischem Namen, weil ihre Familie einst Missionare beherbergte. Zwei Söhne, Pietro und Filippo, sprechen Swahili, Kalenjin und Italienisch. „Meine Eltern sehen die Jungs jeden Sommer – die ersten, die nach dem Zieleinlauf klingelten, waren Papa und Mama“, lacht er.

Sein Geheimnis ist keine Geheimwaffe: „Ich bringe italienische Periodisierung, kenianische Lunge und eine Prise Verzweiflung zusammen.“ Seit 2015 arbeitet er mit Demadonna-Scuderia, davor Rosa Associati. „Ohne diese Netzwerke wäre Sawe nie ins Labor der großen Stadt gekommen.“

1:58? „Nicht unrealistisch, wenn sie uns in ruhe lassen“

1:58? „Nicht unrealistisch, wenn sie uns in ruhe lassen“

Die nächste Zielgerade ist längst eingeplant: Empfang bei Präsident William Ruto, dann zurück ins Hochland. „Er kann 1:58 laufen, wenn die Schuhe halten und die Politik uns nicht zerfetzt“, sagt Berardelli. Die Schuhe – Adidas Pro 3, 230 g flüssige Kohlenhydrate pro Rennen – seien nur Werkzeug. „Das Feuer kommt von innen. Er sieht seine Frau und die drei Kids alle zwei Wochen, weil er die 70 Ziegen füttern muss. Das ist kein Leben, das ist ein Monat auf Abruf.“

Und nach Sawe? „Der Damm ist gebrochen. Nächstes Jahr rennen zehn Mann unter zwei Stunden. Mein Job ist, ihn gesund zu halten, bis er selbst merkt, dass er fertig ist.“

Er bleibt dran. 22 Jahre wurden daraus, weil ein Praktikum zur Liebe wurde und eine Liebe zur Mission. „Ich bin Italiener, wenn ich Pizza backe, und Kenianer, wenn ich um 1800 m Höhe Intervalle ansage. Zwischen diesen Welten läuft gerade die schnellste Marathonzeit aller Zeiten – und sie ist noch nicht das Ende.“