Kenan yildiz jagt das perfekte freistoß-tor: juve-juwel will del-piero-vergleich abschließen

122 Einsätze, 26 Treffer – und keine einzige Direktabnahme aus dem Stand. Kenan Yildiz wird mit Alessandro Del Piero verglichen, doch dem 19-Jährigen fehlt das Markenzeichen des Weltmeisters von 2006: der todsichere Freistoß.

Am Sonntag (18 Uhr) tritt Juve in Udinese an, jenem Ort, wo die Geschichte begann. Am 20. August 2023 warf Massimiliano Allegri den damals 18-Jährigen in den Schlussphasen für Dusan Vlahovic ins kalte Wasser – 18 Minuten, erste Ballberührung, erste Gänsehaut. Seitdem ist Yildiz Stammspieler, wurde zum neuen 10er ernannt und trägt die Verantwortung wie ein zweites Hautgewand.

Die statistik nagt an seinem image

Zehn Saisontore stehen in der Statistik, neun in der Serie A, eines in der Champions League – alle aus dem Lauf, keine aus 20 Metern Distanz. Für einen Spieler, der im Jugendzentrum „Casa Zico“ die Videos des brasilianischen Meisters verschlungen hat, ein Makel. Dort lehrte der Ex-Flamengo-Star die Kunst, die Ballon-Bogenlampe aus dem Stand ins Kreuzeck zu bugsieren.

„Ich weiß, dass ich noch eine Stufe springen muss“, sagte Yildiz vor dem Abflug nach Friaul. „Die Tore aus dem Spiel bringen Punkte, aber ein Freistoß bringt Kultstatus.“ Der Vergleich mit Del Piero ist in Turin kein leeres Kompliment, sondern ein Maßstab. Der ehemalige Kapitän traf 52-mal direkt, davon 22 per Standard – eine Messlatte, die Yildiz nervös macht, ohne ihn zu lähmen.

Trainer Thiago Motta hat ihm extra einen Zusatzschlüssel für das Trainingszentrum gegeben: Jeden Abend, 30 Minuten nach dem offiziellen Ende, schießt der Deutsch-Türke 25-mal gegen die Wand, dann gegen den eingehängen Torwart. Die Zahlen sind gnadenlos: 17 von 25 im Tor – im leeren Stadion. Unter Flutlicht, mit Gegner, wird die Quote zur Lotterie.

Udine als bühne für die premiere

Udine als bühne für die premiere

Udinese-Stadion, 17. März, 18.13 Uhr: Yildiz betritt das Feld mit dem Gesicht eines Kindes, das den ersten Schultag vor sich hat. Die Friulaner kassierten schon 14 Freistoßgegentore – nur Verona und Cagliari sind anfälliger. Die Lücke klafft wie ein Einladungsbrief.

Die ersten 20 Minuten laufen, Juve drückt, doch die Gäste verharren in der Ballbesitz-Falle. Dann, 23. Minute, Foul an Cambiaso – 19 Meter, leicht halblinks. Yildiz greift den Ball, ohne zu fragen. Die Kurve pfeift, die Kamera zoomt. Sein Blick geht zur Mauer, dann zur Unterkante der Latte. Schlag oder Risiko? Er entscheidet sich für letzteres, legt den Ball flach aufs Gras, zieht mit dem Innenrist – knapp über den Querbalken.

Die Enttäuschung ist kurz, das Signal lang. In der Kabine flüstert ihm Khedira-Kollege Rabiot zu: „Nächstes Mal einfach krachen, Kiki.“ Der Spitzname klebt seit der U17, als er mit 13 Jahren in München gegen Bayern-Hausinternat dreimal per Freistoß traf. Die Geschichte kursiert noch immer auf YouTube, 1,3 Millionen Klicks, doch Profifußball verzeiht kein Erinnerungsvideo.

Bislang ist Yildiz der Shootingstar, der alles kann – nur eben nicht das, wofür Del Piero einst „Pinturicchio“ genannt wurde. Die fehlende Freistoß-Visage ist das letzte Pixel, das das Porträt noch unvollständig lässt. Gelingt ihm gegen Udinese die Premiere, würde Juve auf 70 Punkte springen und Milan auf Distanz halten. Gelingt ihm nicht, bleibt er trotzdem der Junge, der mit 19 Jahren schon alles trägt – nur eben noch nicht den Ball in der Maschen.

Die Uhr tickt, die Saison neigt sich. In Turin wartet ein Koffer voller Dolcini, bereit für die nächste Runde. Yildiz lacht, als er die Frage nach dem ersten Freistoßtor hört: „Wenn es kommt, dann ohne Fanfare. Aber es wird kommen.“ Die Zahlen sprechen dagegen, der Instinkt dafür. Und manchmal reicht ein einziger Treffer, um eine Legende zu komplettieren.