Kazmaier knöpft sich russland vor: „das ist politisch nicht vertretbar“

Linn Kazmaier stand auf dem Podest, doch die Silbermedaille schmeckte wie vergiftet. Hinter ihr wehte die russische Flagge, vor ihr blitzten Kameras. Der Moment, für den Athleten leben, war für die deutsche Para-Langläuferin zur Zumutung geworden.

Die geste, die niemand übersehen konnte

Als die Hymne ihres Konkurrenten ertönte, ließ Kazmaier zusammen mit ihrem Guide Florian Baumann die Mütze auf. Kein Salutieren, kein Selfie mit den russischen Siegern. Stattdessen demonstrativer Abstand. „Es fühlt sich falsch an“, sagte sie später, „politisch nicht vertretbar.“

Die 25-Jährige hatte gerade ihr bestes Rennen geliefert – und musste zusehen, wie Anastasiia Bagiian aus Russland Gold holte. Die IPC-Entscheidung, Russland und Belarus wieder unter eigener Flagge starten zu lassen, hatte die Athletin vor eine Zerreißprobe gestellt: zwischen Sportsgeist und moralischer Grenze.

„Wir kennen die geschichten der ukrainer“

„Wir kennen die geschichten der ukrainer“

Baumann, der als Seh-Guide neben Kazmaier läuft, legte nach: „Wir haben vor vier Jahren in Peking mit den Ukrainern trainiert. Wir wissen, was sie durchmachen.“ Für ihn ist klar: „Die Entscheidung des IPC verharmlost den Krieg.“

Der Deutsche Behindertensportverband hatte die Eröffnungsfeier bereits boykottiert. Nun setzten Kazmaier und Baumann ein sichtbares Exclamation mark. Kein lautes Statement, keine Pressekonferenz – nur zwei Athleten, die ihre Mützen nicht ziehen und damit lauter sprechen als viele Politiker seit Wochen.

Die medaille, die niemand feiern wollte

Die medaille, die niemand feiern wollte

Die Silberplakette ist längst verstaubt in Kazmaiers Tasche. „Ich wollte sie kaum anfassen“, gestand sie. Dabei hatte sie eigentlich Grund zum Strahlen: Nach einer technischen Umstellung war sie nachträglich vom Bronze- auf den zweiten Platz gerückt. Doch die Freude blieb aus.

Stattdessen steht ein Satz im Raum, der sich wie ein Echoschlag durch die Sportwelt zieht: „Dass das Politische das so überschattet, ist einfach total schade.“

Die Paralympics sind eigentlich ein Fest des Sports jenseits von Politik. Doch in diesem Moment war alles andere zählt. Und Kazmaier? Die wird ihre Silbermedaille nie so anfassen wie ihre erste – weil sie weiß, dass hinter dem Glanz ein Schatten klebt, den man nicht abwaschen kann.