Kathrin marchand schreibt sportgeschichte: olympien und paralympics im sommer und winter
Kathrin Marchand ist keine, die sich dem Schicksal fügt. Nach Schlaganfall halbseitig gelähmt und stark sehbehindert, stand sie heute im Ziel von PyeongChang – und auf dem vierten Rang. Das reicht für eine Medaille nicht, aber für einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde: Sie ist die erste Athletin, die Olympia und Paralympics im Sommer wie im Winter bestritten hat.
Vom ruderklub zum skilanglauf: eine frage der inneren uhr
Früher trieb sie die 2000-Meter-Bahn in Linz oder London mit 38 Schlägen pro Minute auf Reißbrettkurs. Zweimal stand sie im Olympia-Finale, zweimal verfehlte sie das Podest knapp. Dann kam der Schlaganfall, 34 Jahre alt, Mutter zweier Kinder. Statt aufzugeben, schraubte sie die Ruderergometer im Keller höher und ließ das linke Bein vom Gurt festbinden. Drei Jahre später saß sie wieder im Boot – diesmal mit Klassifizierung PR3.
Doch der deutschen Paralympic-Vereinigung war das nicht spektakulär genug. Sie wollte Winter. „Skilanglauf ist reine Pulsarbeit“, sagt sie, „und den kenne ich bis aufs Komma.“ Also mietete die Familie eine Hütte in Oberhof, baute die Stöcke kürzer und ließ sich von ihrem Mann auf der Skate-Spur ziehen. Ihr erster Weltcup in Finsterau: Platz neun. Ein halbes Jahr später gewann sie Silber über fünf Kilometer – und einen Startplatz für Südkorea.

Vierte wird niemand zum vergnügen
Heute früh, 8:45 koreanischer Zeit, ging es über 7,5 km im Sit-Ski. Das Rennen wurde zur Geduldsprobe. Die Führungsfahrerin setzte Tempo, Marchand blieb bei 92 % ihrer maximalen Herzfrequenz. Auf der letzten Steigung fehlten 3,4 Sekunden auf Bronze. „Ich habe die Latten zittern sehen, aber mein Arm wollte nicht mehr“, sagt sie atemlos. Die Uhr stoppte bei 23:35,9 Minuten – persönliche Bestzeit, aber eben nur Rang vier.
Die Quote zählt trotzdem: Olympia-Sommer, Paralympics-Sommer, Paralympics-Winter. Kein deutscher Athlet war je in allen drei Formaten am Start. Der DOSB will die Serie für Tokio 2020 prüfen, falls der Skilanglauf ihr keinen Strick daraus dreht. „Ich bin kein Sammler von Startnummern“, lacht Marchand, „aber wenn der Körper mitspielt, warum nicht?“
Der nächste Weltcup liegt in vier Wochen in Sapporo. Dort will sie nicht Vierte werden. Dort will sie endlich Edelmetall – und damit das letzte Puzzlestück ihrer unvollendeten Sport-Biografie.
