Kardinal sprintet durch rom: vesco jagt bestzeit im vatikan-trikot

42,195 km beten, schwitzen, kämpfen. Kardinal Jean-Paul Vesco stand nicht in der Basilika, sondern am Startband des Rom-Marathons – und wollte seine 35 Jahre alte Bestzeit aus New York pulverisieren.

Der mann im laufhemd ist purpurträger

Mit Startnummer 1204 und den Farben des Vatikans auf der Brust raste der 62-jährige Franzose durch die Ewige Stadt. Keine Kutte, keine Goldborte – nur Carbon-Sohlen und ein GPS-Watch, das jeden Kilometer mit Gotteslärm misst. Vesco, Erzbischof von Algier und seit 2024 Kardinal, kennt beide Seiten: die heilige Messe und den heiligen Graal der Sub-3-Stunden.

Seine persönliche Messe der Beine begann 1989 in New York, damals 2:53:38. Jetzt, 36 Jahre später, will er unter die Drei bleiben – und dabei einem Freund die Strecke schenken: Khaled, seit zehn Jahren im Krebs-Fight, läuft an seiner Seite. „Mein Held“, sagt Vesco, „nicht ich.“

Atlética vaticana: nonnen, schweizergardisten und ein kardinal

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Hinter ihm bereiten sich sechs Schweizergardisten auf ihren ersten Marathon vor, die Stahlhelme diesmal gegen Schweißbänder getauscht. Schwester Marie-Théo, die „Gottes-Läuferin“, checkt die Pulsuhr: „150 Schläge pro Minute, 150 Ave Maria.“ Der Papst selbst segnete aus dem Apostolischen Palast – und nutzte das Wort „Sport“ in einem Atemzug mit „Frieden“.

Die Strecke ist ein Crescendo aus Geschichte: Start am Kolosseum, dann via Piazza Venezia, Vorbei an der Engelsburg, Ziel im Circo Massimo. Wer hier läuft, tritt auf Kiesel, die Kaiser gesehen haben – und auf Kaugummis, die gestern noch Touristen spuckten.

Vesco bleibt während der 42 Kilometer kein einziges Mal stehen, auch nicht an den Wasserstationen, wo Priester in Jogginghosen Traubenzucker segnen. Seine Split-Zeiten: 4:05 min/km, konstant wie ein Glaubensbekenntnis. Bei Kilometer 35, der berüchtigten Mauer, schreitet kein Engel neben ihm – nur ein Argentinier im Papst-Leo-XIV-Shirt, der ihm ein High-Five gibt.

Zeit, die sich segnen lässt

Zeit, die sich segnen lässt

Er kommt in 2:58:17 ins Ziel. Keine Tränen, kein Kreuzzeichen – nur ein breites Grinsen und ein Foto mit Khaled, dessen Krebsdiagnose plötzlich kleiner wirkt als eine Finisher-Medaille. Die Uhr tickt weiter, aber für Vesco steht sie still: 35 Jahre Marathon, zwei Berufe, ein Kontinent Distanz – zusammengelaufen in unter drei Stunden.

Am Abend trägt er wieder das Rot der Kirche, nicht das der Muskelfasern. Seine Beine schmerzen, seine Seele nicht. Denn wer einmal 42 km durch die eigene Endlichkeit gespurtet hat, weiß: Selig sind, die austarieren – sie werden die Welt erreichen, ohne dass die Welt sie einholt.